11. März

Brot und Wasser

Was fasziniert den gemeinen argentinischen Touristen an einem simplen Toastbrot? Es mag ein unkompliziertes Frühstück sein, das man schnell in sich reinschiebt, wenn keine Zeit für Anderes bleibt. Aber im Hotel, im Urlaub? Wenn der Toast schon vorgetoastet ist und am Rande eines riesigen Frühstücksbuffets mit frischen Früchten, Brötchen, Kuchen, Tapioca, etc. steht? Mir würde es nicht im Traum einfallen, dann auch nur eine Scheibe dieses fluffigen Weizenbrots anzufassen. Doch heute tat ich es. Ich wollte wissen, was anders ist an diesem Toast, den sich die argentinischen Urlauber kiloweise auf ihre Teller aufluden um ihn dann, bestrichen mit Butter und Marmelade, zu verspeisen. Das Geheimnis lag vor mir auf dem Teller. Ich biss in das Brot und schmeckte…. nichts! Ein fades, ödes Toastbrot, genauso langweilig wie das deutsche oder englische oder jedes Toastbrot auf der Welt. Ok, es war wohl mit ein wenig Butter geröstet worden. Dafür war es kalt und nicht wirklich knusprig. Ich wunderte mich über die scheinbar kulinarische Engstirnigkeit der Argentinier. Ein Volk, das für sein Fleisch weltberühmt ist, sollte etwas mehr Geschmack zeigen. Vielleicht hatten sie Angst, das brasilianische Essen könnte vergiftet sein. Ich legte den Toast mit einem pikierten Nasenrümpfen beiseite und holte mir eine Tapioca. Gegen das weiche Weizenbrot war die simple Mischung aus Mehl, Kokosflocken und Kondensmilch ein kulinarisches Highlight.

Tiger im Tank und Armee ohne Plan

Unser eigentliches Ziel am heutigen Tag waren neben der gescheiterten Entmystifizierung des argentinischen Toastbrot-Konsums zwei Dinge: Ein Fort und ein Baum. Hört sich beides erstmal nicht wirklich spektakulär an, wurde aber spannender als geplant. Das lag nicht zuletzt an der Busfahrt. Anfangs positiv überrascht von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft des Busfahrers (wer hätte das gedacht: Auch der Bus war ein Volkswagen), zeigte er in der Innenstadt echte Rennfahrer-Ambitionen. Ihn schien es nicht zu stören, dass er einen Stahlkoloss ohne jegliche Straßenlage dirigierte. Die ursprünglich festsitzenden Innenteile des Busses klapperten bedrohlich, als der Fahrer ihn durch enge Straßen peitschte und das Gefährt mit einigen Überholmanövern hart an seine Grenzen brachte. Doch der Mann verstand sein Handwerk – wir hingegen hatten uns gründlich verschätzt und stiegen einige Haltestellen zu früh aus. Der Bus war längst in einer Staubwolke davongebraust, als wir dies bemerkten. „Egal, ein paar Kilometer wandern war gut für die Gesundheit“, dachten wir uns und liefen los. Die Sonne toastete unser Gesicht goldbraun während wir die Strände in Richtung Fort entlangliefen und als wir am „Fortaleza dos Reis Magos“ ankamen, zierten wieder einmal unzählige Schweißperlen unsere Körper.

Fortaleza an der Küste Natals: Abwechselnd von Portugiesen und Holländern besetzt

Fortaleza an der Küste Natals: Abwechselnd von Portugiesen und Holländern besetzt

Doch die Strapazen hatten sich gelohnt, denn wir erlebten eine exzellente Führung durch das Fort, das vor Jahrhunderten direkt am Wasser erbaut wurde, um die brasilianische Küste vor so gemeinen Angreifern wie Piraten, Korsaren und Holländern zu schützen. Unser „guia“ – selbst noch Student – erzählte die Geschichte des Forts so lebendig und euphorisch (auch, wenn ich nur Wortfetzen verstand, aber Nina übersetzte genauso freudig für mich), dass die Zeit nur so verflog. Eine kleine Anekdote fand ich besonders amüsant, weil sie irgendwie zu den Portugiesen passt: Zum Schutz vor Kanonenkugeln und anderen fliegenden Geschossen hatten die portugiesischen Konstrukteure dem Fort vierzehn Meter dicke Wände verpasst. Die Südeuropäer dachten, es wäre ganz schlau, das Pulverdepot in einer kleinen Kathedrale anzulegen, die genau in der Mitte des Forts stand, weil an einem heiligen Ort niemand Munition vermuten würde. Als dann gemeine Holländer die Küste einnehmen wollten und das Fort zum ersten und eigentlich auch zum einzigen Mal richtig gefordert wurde, trafen die Käsköpfe mit einem Glücksschuss das Munitionsdepot. Die herumfliegenden Trümmer erschlugen den Portugiesen-General, der zu diesem Zeitpunkt gerade durch einen geheimen Fluchtweg abhauen wollte. Ohne ihren General war die restliche Portugiesen-Armee planlos und verlor den Kampf.

Glücklicherweise blieben die Holländer nur einundzwanzig Jahre. Dann bekamen sie nasse Füße, denn eine neue Portugiesen-Armee hatte sich formiert und bekämpfte die unerwünschte Migrationsbewegung im ganzen Land. Uns war das nur recht, denn um Holländer zu sehen, hätten wir keine 11.000 Kilometer weit reisen müssen.

Nachdem wir sämtliche Details des Forts kennengelernt hatten, nutzten wir die Ebbe und wanderten entlang des Strandes in Richtung Bushaltestelle.

Küste Natals: 20 Kilometer bis zur nächsten Attraktion

Küste Natals: 20 Kilometer bis zur nächsten Attraktion

Vor lauter Wald den Baum nicht sehen

20 Kilometer lagen zwischen uns und dem Cashew-Baum. Eigentlich mag ich Cashews nicht besonders, aber nachdem mein Unwissen über deren Wachstumsweise bei Nina auf Entsetzen gestoßen war, konnte ein bisschen Biologie-Unterricht wohl nicht schaden. Glücklicherweise erwischten wir eine andere Buslinie, deren Fahrer der so gemütlich fuhr, dass ich binnen Sekunden einschlief. Als ich aufwachte, war der Bus bereits stehengeblieben. Ich stieg aus und stand vor einem Busch. „Ziemlich großer Busch“, dachte ich mir, „man sieht überhaupt keinen Anfang und kein Ende.“ Dann fiel mir auf, dass der Busch ziemlich dicke und ziemlich viele Äste hatte. Überhaupt war er für einen Busch ziemlich hoch, aber für einen Baum zu klein. Alles Spekulieren half nichts, ich brauchte eine Infotafel. Ich fand sie zwischen einigen Ästen. „O maior cajueiro do mundo“ stand darauf. Meine kärglichen Portugiesisch-Kenntnisse reichten aus, um nun zu wissen, dass ich vor dem weltgrößten Cashew-Baum stand. Man scheint also auch groß zu werden, wenn man nur in die Breite geht. Ich dachte mir, dass dieses Wissen vielleicht irgendwann mal nützlich sein könnte.

Kleiner Ausschnitt des weltgrößten Cajueiro: 7.500m² nur Baum

Kleiner Ausschnitt des weltgrößten Cajueiro: 7.500m² nur Baum

(Haupt-)Stamm des Cajueiro: Ungezähmter Expansionswille

(Haupt-)Stamm des Cajueiro: Ungezähmter Expansionswille

Präventionsmaßnahmen für den brandgefährdeten Cashew-Baum

Präventionsmaßnahmen für den brandgefährdeten Cashew-Baum

Wir begutachteten den Baum ein wenig. Das war nicht übermäßig interessant, denn er sah eigentlich überall gleich aus. Hochsaison hatte der Baum, wenn er Früchte und Nüsse trug. Dann konnte man sich gegen einen kleinen Obolus so viele Cashews pflücken, wie in den mitgebrachten Sack oder in den Magen passten. Nun war der Baum jedoch schon leergepflückt, also gingen wir wieder. Am Ausgang fiel uns die Armada an Feuerlöschern auf. Ich bezweifelte allerdings, dass sie ausreichen würde, wenn 7.500m² Baum erst einmal anfingen zu brennen. Wieder auf der Straße bemerkten wir, dass sich der weltgrößte cajueiro wenig um den Zaun scherte, den Brasilianer um ihn herum gezogen hatten. Er wuchs einfach drüber, auf die Straße hinauf! Cashew-Baum überall – kein Wunder, dass wir einige Arbeiter sahen, die ihn mit Motorsägen einige Äste kürzer machten.

Bevor wir ins Hotel zurückfuhren, entspannten wir uns von all den Laufstrapazen (Urlaub war echt anstrengend :-)) am Strand und ließen die vergangenen Tage ein wenig an uns vorbeiziehen. Morgen würde es bereits nach Salvador da Bahia weitergehen – dem „afrikanischsten“ Punkt Brasiliens…

Eine Antwort

  1. […] Ich habe irgendwann mal gehört, dass sich Brasilianer und Argentinier nicht wirklich leiden können. Ob das nun daran liegt, dass letztere ein noch besseres Fleisch, mehr Wasserfälle oder vielleicht sogar noch ein paar mehr schöne Frauen haben, kann ich nicht beurteilen. Sicher war zumindest, dass sich in unserem Ressort in Natal zu viele Argentinier aufhielten, als dass es sich dabei nur um Hassliebe hätte handeln können. Dennoch spürten wir seltsame Eigenarten der südlichen Südamerikaner auf und erlebten an diesem Tag auch sonst Einiges… [mehr] […]

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