19. + 20. Februar

Deutschland, Mainz, 19. Februar 2008, 16:30 Uhr

Die letzten zwei Stunden sind immer die schlimmsten. Alle Vorbereitungen waren getroffen, sogar die Wohnung glänzte wie neu. Nun saßen wir auf gepackten Koffern und warteten darauf, dass die Minuten verstrichen. Nach einer halben Ewigkeit war es dann tatsächlich so weit und wir starteten umwelt- und kostenbewusst in unseren vierwöchigen Brasilien-Urlaub, indem wir unsere Gepäckstücke zum Gonsenheimer Bahnhof schleiften und in die kurz darauf heranfahrende Bahn hievten. Am Mainzer Hauptbahnhof angekommen, lauschten wir der vielversprechenden Durchsage, dass unser Verbindungszug nun erst einmal eine nicht verständliche Anzahl Minuten an Verspätung hätte. Bei dieser Gelegenheit fragten wir uns gleichzeitig, welche Qualitäten eigentlich eine Bahnhofssprecherin haben sollte. Das unheimlich stark lispelnde und nuschelnde Mainzer Exemplar erfüllte jedenfalls keine unserer imaginär aufgestellten Einstellungskriterien. Verspätung? Kein Problem, dachten wir uns, Zeit hatten wir reichlich, außerdem kam schon ein paar Minuten später die S8, die zwar sowohl äußerlich als auch innerlich – um es positiv auszudrücken – nicht mehr viel her machte, aber auch zum Flughafen fuhr.

Deutschland, Frankfurt, ca. 20.00 Uhr

Der Frankfurter Flughafen ist immer wieder auf seine eigene Weise faszinierend. Mag es an meinem ausbaufähigen Orientierungssinn liegen oder nicht, doch ich hatte trotz zahlreicher Aufenthalte im Terminal 1 noch immer nicht dieses Ebenen-Konzept verstanden. Halle A, B, C – das war ja noch ok. Aber bei den Ebenen hörte es auf. Vorerst war das auch nicht wichtig, den Check-In Schalter fanden wir noch relativ problemlos. Verzwickter war da schon die Sache mit dem Gepäck, denn obwohl ich mich im Voraus darüber versichert hatte, dass jeder von uns zweimal 23kg Gepäck mitnehmen durfte (was insbesondere für den Rückflug wichtig war, da sich wohl einige brasilianische „Souvenirs“ ansammeln würden), wusste die leicht pikiert wirkende Dame am Schalter davon plötzlich nichts mehr. Ihre Erinnerung kam jedoch schnell zurück, als sie die leichte Schaumbildung vor meinem Mund und meine weit aufgerissenen Augen bemerkte.

Die Zeit bis zum Boarding vertrieben wir uns mit der Suche nach Nahrungsaufnahme, denn wir erwarteten gar nicht mehr, dass es auf einem nächtlichen Flug etwas zu essen geben würde. Und selbst wenn dies doch der Fall sein sollte, entschieden wir uns, zugunsten notleidender brasilianischer Fluggäste auf unsere Ration zu verzichten und sie altruistisch zu spenden. Wir aßen also am Flughafen und begaben uns dann zum Gate, wo wir mit den ersten Brasilianern konfrontiert wurden. Ziemlich vielen Brasilianern. Eigentlich, so schien es, bestand der ganze Flug nur aus den Südamerikanern, typische deutsche Samba-Touristen (wie auch immer die aussehen mögen) erblickten wir nicht.

Das kalte Licht täuscht: Am Gate herrschte bereits feurige Stimmung

Das kalte Licht täuscht: Am Gate herrschte bereits feurige Stimmung

Eine Eigenschaft der Brasilianer, so erklärte mir Nina, sei es, dass sie ziemlich offene Persönlichkeiten hätten und recht gerne redeten. Das war auch tatsächlich der Fall – jeder sprach mit jedem, ob bekannt oder nicht, das war egal. Manche guckten sich dabei nicht einmal an, sondern redeten irgendwo ins Leere, doch immer fühlte sich ein anderer angesprochen. Etwas seltsam war das schon, aber immerhin sieht man ja in Mainz auch genug Menschen, die Selbstgespräche führten… wir stellten uns schon einmal auf einen „kommunikativen“ Flug ein.

Bevor unsere 747 die Reise in wärmere Gefilde antreten konnte, schickte ihr Deutschland noch einen eisigen Gruß: Zeitgleich mit dem Boarding fing es an zu schneien. Schnell erschienen lustige Männchen in Hebewagen, die die vereisten Flügel mit einem Wasserwerfer, aus dem ungesund ausschauende grüne Flüssigkeit entströmte, bearbeiteten. Dann ging’s endlich los. Deutschland verschwand unter uns in dunstiger Dunkelheit und mit jeder Minute näherten wir uns nun Sommer, Sonne und Samba. Mit jeder Minute… dummerweise waren es bis zu unserer Ankunft knapp siebenhundert davon. Doch mit einer Mischung aus Schlafen, Dösen, Musikhören und dem Versuch, möglichst viele alkoholhaltige Erfrischungsgetränke zu sich zu nehmen, verging die Zeit recht schnell.

Irgendwo über Brasilien, 20. Februar, 05:30 Uhr

Pünktlich zum Morgengrauen begann das Flugzeug seinen Sinkflug. Wir befanden uns bereits über dem brasilianischen Innenland, das vor allem dadurch auffiel, dass es nahezu komplett unbesiedelt erschien. Grün und hügelig war es, hier und da schlängelte sich ein Fluss zwischen Tälern und Bergen hindurch und nur ab und zu war eine größere Siedlung zu erblicken. Je mehr wir uns jedoch Sao Paulo näherten, desto eher konnte man erahnen, dass diese Idylle nicht von Dauer sein sollte. Und tatsächlich: Die letzte Viertelstunde Flugzeit war der Boden unter uns bedeckt von der riesigen Metropole. Jede europäische Stadt, die von sich behauptet, über eine Skyline zu verfügen, konnte bei diesem Anblick einpacken: Sao Paulo schien ausschließlich aus Hochhäusern zu bestehen – nur unterbrochen von ein paar Grünflächen und natürlich von Fußballstadien.

Nach unserer butterweichen Landung konnte sich der gemeine Nicht-Brasilien-Bürger die Wartezeit vorm Zoll mit Fernsehgucken vertreiben. Was lief? Fußball. Das fing ja gut an mit den Klischees. Nachdem wir unsere Koffer abgeholt hatten, empfing uns Ninas Familie. Und dann kam ich zum ersten Mal mit brasilianischer Luft in Kontakt. Mein Körper frohlockte: Noch vor wenigen Stunden gebeutelt von Frost und Kälte, empfingen ihn nun wärmende Sonnenstrahlen und tropische Luft. Binnen Sekunden verbannte ich den dicken Wintermantel in die tiefsten Tiefen der Reisetasche – und schwitzte dabei. Dann fuhren wir ins Innere von Sao Paulo. Na ja, wir tuckerten dorthin. Das lag nicht am VW-Gefährt, das seinen Dienst trotz fortgeschrittenen Alters exzellent erfüllte (deutscher Wertarbeit sei Dank), sondern vielmehr an der Stadt selbst. Das Straßennetz war einfach nicht für einen derartigen Autoansturm ausgelegt.

Sowas nennt man in Sao Paulo wohl verkehrsberuhigte Zone

Sowas nennt man in Sao Paulo wohl verkehrsberuhigte Zone

Die einzigen, die davon profitieren konnten, waren die Unmengen von Motorradfahrern: Sie rasten unbekümmert, beständig hupend und todesmutig leichtsinnig zwischen den Autoschlangen hindurch. Man brauchte nicht viel Vorstellungsvermögen um sich auszumalen, wie viele Zweiradfahrer täglich ihr Ziel nicht bzw. nicht lebend erreichten. Langsam, aber beständig näherten wir uns der dicht besiedelten Metropole. Obgleich mir die Dimensionen der Stadt schon vom Flugzeug aus gigantisch erschienen waren, zeigte sich erst aus der neuen Perspektive ihr gigantomanisches Ausmaß. In die Jahre gekommene, beschmierte Hochhäuser ragten an beiden Straßenrändern in die Höhe. Sie trotzten den neueren Wolkenkratzern, die häufig direkt neben den alten emporwuchsen und somit ein durchaus uneinheitliches Stadtbild entstehen ließen. Umso erstaunlicher war es da, dass die Stadt trotzdem irgendwie grüner war als die mir bekannten europäischen Metropolen: Kein Straßenabschnitt, der nicht von Palmen, Gräsern und anderen tropischen Gewächsen geschmückt war. Ich fragte mich, wie die ganze Fauna bei dem Motorsmog überleben konnte.

Brasilien, Sao Paulo, 11:50 Uhr

Unser Reiseziel war die Wohnung von Ninas Eltern in einer etwas ruhigeren Ecke von Sao Paulo. Aus den Fenstern der verschiedenen Zimmer bot sich ein einwandfreier Blick auf die Gegensätze der Stadt. Auf der einen Seite der ruhige, beinahe idyllische Blick auf Swimming-Pool und Garten. Bäume wiegten sanft im Wind, einige Autos tuckerten die anliegende Straße herauf und herab. Auf der anderen Seite ebenfalls ein hochgewachsener Baum, ein paar Büsche und… dahinter, beinahe soweit das Auge reichte, ein riesiges Armenviertel – die Favela: Schief stehende Häuser reihten sich dicht aneinander. Löchrige Straßen führten steile Berge hinauf und hinab. Versteinerte Gesichter hinter den Fenstern. Kein Platz für Pflanzen, verziert wurde der Betondschungel lediglich von den endlosen Wäscheleinen, die sich über die Häuser hinweg spannten.

In trügerischem Frieden erstreckt sich die Favelha soweit das Auge reicht

Trügerischer Frieden? Die "Paulista"-Favela

Allen deutschen Medienberichten über die Kriminalität in den brasilianischen Favelas zum Trotz lag das Viertel in einer friedvollen Stille hinter den Hochhausreihen und hatte seine ganz eigene Ästhetik. Durchaus öfter konnte man in der Ferne jedoch auch die Polizeisirenen heulen hören, was der friedvollen Stille der Favela eine leicht trügerische Komponente gab.

Ich konnte es kaum erwarten, endlich die vermufften Flugzeugklamotten gegen eine Badeshort auszutauschen. Man konnte ja nie wissen, wie lange die Sonne noch scheinen würde – in Deutschland hatte der Wetterbericht immerhin darauf beharrt, dass es in Sao Paulo täglich regnete. Außerdem war die Zeit knapp gesät, denn wir wollten schon bald zum Landhaus aufbrechen, das zwischen Sao Paulo und Rio im Urwald lag. Also stürmten wir hinab in Richtung Piscina um unsere Körper mit Sommersonne und Sommerwasser vertraut zu machen. Eincremen? Für zehn Minuten Sonne? Zeitverschwendung. Eintauchen, durchschwimmen, auf dem Rücken liegen – herrlich! Danach auf die Liege, Augen zu und Geist und Körper von wärmenden Sonnenstrahlen verwöhnen lassen. Viel zu schnell war unsere herrliche erste Begegnung mit der brasilianischen Sonne wieder vorbei. Für unseren bleichen Teint sollte die kurze UV-Bestrahlung jedoch mehr als genügen: Schon nach kurzer Zeit zeichnete sich auf meinem Bauch eine ungesunde Röte ab, die in den darauffolgenden Tagen mein ständiger Begleiter werden sollte. Eincremen? Was rot wird, wird auch irgendwann braun. Mit dieser Hoffnung ertrugen sich die bald einsetzenden Schmerzen leichter.

Das Landhaus lag ungefähr vier Stunden Autofahrt von Sao Paulo entfernt. Vier Stunden bei guter Verkehrslage. Gute Verkehrslage ist jedoch in Sao Paulo zu Carneval-Zeiten so unwahrscheinlich wie Fußpilz an den Händen. Wie wir in die Stadt hineinschlichen, so bewegten wir uns also auch wieder heraus. ich versuchte erst gar nicht, mich zu langweilen, sondern vertrieb mir die Zeit damit, die Unmengen an gewonnenen Eindrücken etwas zu ordnen und zu verfestigen sowie den weiblichen Bewohnern Sao Paulos einen Teil meiner Aufmerksamkeit zu widmen. Nach mehreren Monaten Rollkragenpullis und Wintermänteln war das durchaus keine schlechte Idee. Einige Zeit später ließen wir die Metropole mit ihren seltsamen Verkehrswegen und noch seltsameren Verkehrsteilnehmern hinter uns und kamen fortan zügig weiter.

Brasilien, Penedo, 22:00 Uhr

Dennoch war es bereits später Abend, als wir im Ort, wo das Landhaus stand, ankamen. Das einzig wirklich Markante, was mir zu der späten Stunde auffiel war, dass ziemlich viele Weihnachtsmänner dort herumstanden. Erst am nächsten Tag sollte ich zu Gesicht bekommen, welche Ausmaße dieser dubiose Flair um den alten Herren, den wir doch gerüchteweise einem bekannter amerikanischen Softdrink-Hersteller zu verdanken haben, wirklich hatte. Glücklicherweise lag das Landhaus weit abseits dieses Trubels im Urwald. Viel konnte ich an diesem Abend jedoch nicht mehr erkennen, zu dunkel war die tropische Nacht und zu schwer waren meine Augenlider. „Dschungelcamp deluxe“ waren meine letzten Gedanken bevor ich in einen tiefen, erholsamen Schlaf fiel.

Eine Antwort

  1. […] Aller Anfang ist…. überwältigend […]

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