23. Februar

Ich habe den Eindruck, dass mein Leben momentan ziemlich ereignisreich ist. Kaum ein Tag, an dem mich keine Armada an Eindrücken überfährt. Wahrscheinlich könnte ich auch den ganzen Tag an einer Straßenecke stehen und in die Gegend gucken, ohne dass mir langweilig würde. Oder auf einem Hotelbalkon. Vom 19. Stock des Hotels aus betrachtet wirkte das geschäftige Treiben Rios am Morgen so ruhig und friedvoll, dass man gar nicht glauben mochte, in einer Millionenmetropole zu sein.

Rio de Janeiro (Barra) am Morgen aus dem 19. Stockwerk: Harmonische Millionenmetropole

Rio de Janeiro (Barra) am Morgen aus dem 19. Stockwerk: Harmonische Millionenmetropole

Das warme, weiche Licht der Morgensonne schmiegte sich an die Wolkenkratzerfassaden in der Umgebung, üppige Baumlandschaften sorgten für frische Luft und in der Ferne erhob sich eine Gebirgskette – ein herrlicher Anblick, der mich minutenlang in einer harmlosen Form der Totenstarre verharren ließ.

Ein leichtes, aber beständig zwickendes Magengrummeln hielt mich davon ab, dem Panorama weiterhin Aufmerksamkeit zu schenken. Wir frühstückten ausgiebig, denn immerhin stand uns eine harte Bergtour auf den Corcovado bevor (zugegebenermaßen konnte man sie dank moderner Technik zum großen Teil absolvieren, ohne einen Fuß zu bewegen). Nachdem wir fertig waren und mein Körper sich um einige Kilo Ananas, Papaya und Wassermelone sowie Brötchen und Kuchen schwerer anfühlte, fuhren wir los.

Bergfahrt mit Hindernissen

Um den Fuß des Corcovados herum wurden die Straßen bereits steiler. Wir parkten das Auto auf einem stark abschüssigen Kopfsteinpflasterweg. Etwas sorgte ich mich schon darum, ob die Bremsvorrichtungen des gut 15 Jahre alten Volkswagens ihn wohl an seinem Platz halten würden. „Deutsche Wertarbeit“, sagte ich mir wieder einmal beruhigend und wandte mich in Richtung Corcovado-Eingang. Ein Berg mit Eingang? Nun, er liegt mitten in einem Nationalpark und offizielle Wanderpfade sind den Brasilianern scheinbar fremd. Die einzigen beiden Wege hinauf führen entweder über eine Zahnradbahn oder eine gewundene Serpentinenstraße. Letztere ist jedoch nur für „autorisierte“ Fahrzeuge und tollkühne Wanderer zugänglich. Nicht nur für meine immer noch viel zu bleiche Haut wäre es jedoch bei sonnigen 35°C reichlich ungesund gewesen, letzteren Weg zu wählen. Auch die Gefahr, als Kühlerfigur eines Kleinbusses zu enden, schreckte mich ab. Zu unserem Entsetzen entpuppte sich aber auch die Zahnradbahn als schlechte Wahl: Hunderte von Menschen standen dort bereits an und warteten auf das Schienenfahrzeug, das in gemächlichem Tempo beständig nach oben und unten fuhr.

Menschenschlange vor der Zahnradbahn am Corcovado: Wartezeiten wie vor der Achterbahn

Menschenschlange vor der Zahnradbahn am Corcovado: Wartezeiten wie vor der Achterbahn

Die Frau an der Touristenauskunft verkündete uns fröhlich, dass wir uns mit mehr als zwei Stunden Wartezeit in der Schlange anfreunden sollten. Wir vermuteten, dass dies stark untertrieben war und hatten zudem keine Lust, mehrere Stunden in glühender Hitze mitten in einer schwitzenden Menschenmasse zu warten. Erfreulicherweise mussten wir nicht lange nach einer Alternative suchen, im Gegenteil: Grinsend wie ein Honigkuchenpferd kam ein Brasilianer mit Migrationshintergrund auf uns zu und offerierte, uns mit seinem „autorisierten“ Gefährt den Berg hochzubringen. Und nicht nur das, er wollte uns sogar noch einen zusätzlichen Aussichtspunkt zeigen, den man mit der Zahnradbahn gar nicht erreichte. Ich konnte nicht sagen warum, aber es war bereits zu diesem Zeitpunkt, dass mich eine gewisse… Skepsis bezüglich des Mannes und seines Angebots einnahm. „Egal“, sprach ich mir Mut zu, „besser, als mehrere Stunden im Saunaröstofen zu stehen“. Teurer als die Zahnradbahn war der um einen sympathischen Eindruck bemühte Kerl übrigens auch nicht. Als wir ihn jedoch zu seinem „Shuttle“ begleiteten, wurde mir schlagartig klar, dass meine Skepsis begründet war, denn das Gefährt, zu dem uns der Mann führte, hatte mit einem Auto nur noch wenig gemein. Zwar war es wohl in besseren Zeiten ebenfalls mal ein Volkswagen, jedoch half der Gedanke an deutsche Wertarbeit hier reichlich wenig, denn die Rostlaube war sowohl von außen als auch von innen übel zugerichtet. Die Tatsache, dass keines der Instrumente außer der Uhr mehr funktionierte, war da noch das Harmloseste. Bedenklicher war es schon, dass es keinerlei Gurte mehr gab und ausgerechnet auf meiner Seite die Tür nicht mehr aufging, nachdem ich sie geschlossen hatte. Außerdem erblickte ich auf dem Fahrersitz eine Sitzunterlage aus Holzperlen. Menschen, die mit einer Sitzunterlage aus Holzperlen fahren, sind einfach grundsätzlich suspekt und der Gedanke daran, dass das ursprüngliche Polster wohl nicht mehr viel bequemer war als eine kugelige Holzunterlage stärkte meinen Optimismus auch nicht gerade.

Fahrt im "autorisierten" Shuttle: Nur der Fahrer grinste

Fahrt im "autorisierten" Shuttle: Nur der Fahrer grinste noch.

Es half aber alles nichts, einen Rückzieher konnten wir nun nicht mehr machen. Also Augen zu und durch. Was mich jedoch den ganzen Weg lang verfolgte war die Frage, welche Kriterien der Zulassung zum autorisierten „motorisierten Bergfahrer“ zugrunde lagen. Qualität und Zustand der Karosse konnten es jedenfalls nicht sein. Der Weg zum ersten Aussichtspunkt verlief noch glimpflich. Zwar hatte man auf dem holprigen Kopfsteinpflaster jederzeit Sorge, die Kiste könnte nun vollends in ihre rostigen Einzelteile zerfallen, doch erstaunlicherweise hielt sie (nein, ich werde nicht von einer deutschen Autofirma dafür bezahlt, dass ich das hier schreibe). Wir verweilten eine Weile an der Zwischenstation und genossen das Panorama aus einer neuen Perspektive: In der Ferne sah man nun den Zuckerhut, von dessen Spitze ich noch am Tag zuvor mit zitternden Knien nach unten geschaut hatte. Außerdem erhob bereits einige hundert Meter über und vor uns Cristo Redentor seine Arme über die Stadt.

Cristo Redentor auf dem Gipfel des Corcovado: Jesus Christ Superstar?

Cristo Redentor auf dem Gipfel des Corcovado

Als echte Brasilientouristen konnten Nina und ich es uns natürlich nicht entgehen lassen, ein Foto in mit dem steinernen Sohn Gottes im Hintergrund schießen zu lassen. Man konnte ja nie wissen, ob unser fahrbarer Untersatz es tatsächlich bis zur Spitze schaffen würde.

Die Weiterfahrt erwies sich in der Tat als schwierig, denn plötzlich wollten sich die Autos vor uns auf der Serpentinenstraße nicht mehr bewegen. Der Weg zum Erlöser war verstopft, wir standen im Stau. Ohne Fahrtwind wurde es langsam heiß im Auto, unerträglich heiß. Das schien auch unseren Chauffeur zu stören, denn plötzlich fing er wie wild an zu schimpfen. Er lehnte sich aus dem Fenster und schrie irgendwelche Namen, gefolgt von wüsten Flüchen – freilich änderte das nichts an der Tatsache, dass sich weiterhin nichts bewegte, am Wenigsten die Luft im Auto. Doch seine Schimpfeskapaden schienen den Mann in Fahrt gebracht zu haben, plötzlich riss er den Lenker herum, trat aufs Gaspedal und jagte die Rostlaube auf der Gegenspur an den stehenden Autos und Bussen vorbei. Mir rutschte das Herz in die Hose, immerhin fuhren wir auf einer uneinsichtigen Serpentinenstraße mit stetigem Gegenverkehr. Ich hätte unseren Chauffeur gerne an die Worte meines Fahrlehrers erinnert, doch erstens machte die Wahnsinnsfahrt irgendwie Spaß und zweitens hätte ich ihm auf Portugiesisch ohnehin nur sagen können, dass er Kokosnüsse am Strand holen solle. Also schaute ich einfach dabei zu, wie der „autorisierte“ Touristenführer seinen Wagen immer wieder rechtzeitig in die kleinste Lücke auf der rechten Spur quetschte und bei der nächsten Möglichkeit wieder zum Überholen ansetzte. So ging das eine Zeitlang, doch schließlich wurde der Gegenverkehr so stark, dass unser tollkühner Chauffeur resignierte und sich auf die mittlerweile im Schneckentempo vor sich hinschleichende rechte Spur begab.

Ich hielt die Hitze nicht mehr aus. Ich spürte wie Schweißperlen meinen Rücken herabrannen. „Lieber die Kühlerfigur eines Kleinbusses als das hier“, dachte ich mir und signalisierte dem Fahrer, dass Nina und ich ein Stück die Straße hinauflaufen wollten – besonders gefährlich konnte das ja nicht sein, denn auf der gestauten rechten Spur musste man kaum mit schnellen Gefährten von hinten rechnen. Nachdem wir aus dem Fenster geklettert waren (die Tür funktionierte ja nicht), balancierten wir uns also an stehenden Autos vorbei bis zum Punkt, an dem die Autoschlange einer erneuten Menschenschlange wich; offensichtlich hatte uns unser Führer verschwiegen, dass wir noch einmal umsteigen mussten, quasi in die „autorisierteren“ Gefährte, die uns dann knapp unterhalb des Gipfels absetzen würden.

Menschen und Autos, überall!

Menschen und Autos, überall!

Eine kurze Einschätzung der Situation meinerseits ergab, dass wir in dieser Schlange wahrscheinlich einige Stunden warten würden, bevor wir den nächsten Shuttle besteigen konnten. Vorerst mussten wir jedoch noch auf unseren Chauffeur warten. Er kam circa 15 Minuten nach uns an, drückte uns einige Karten für den nächsten Shuttle in die Hand, wünschte uns viel Glück und brauste dann auf der Gegenspur wieder Richtung Tal. Wir waren mit der Gesamtsituation unzufrieden und beschlossen, die Schlangen-Problematik auf brasilianische Weise zu lösen. Einmal kurz in die Luft schauen, dann so tun, als wäre man intensiv in ein Gespräch mit dem Partner vertieft, dabei die Schlange entlang schlendern und sich bei einer passenden Gelegenheit hinein quetschen. Zu meinem Erstaunen funktionierte das, obwohl wir uns bestimmt nicht besonders geschickt anstellten. Niemand reklamierte oder regte sich auf. So passierten wir in einem Zug etwa 75% der gesamten Menschenmasse und konnten schon zehn Minuten später einen klimatisierten Kleinbus besteigen, der uns 220 Treppenstufen unterhalb der Christus-Statue absetzte.

Die Erlösung wartete nicht im Himmel, sondern mehr als 200 Treppenstufen über uns...

Die Erlösung wartete nicht im Himmel, sondern mehr als 200 Treppenstufen über uns...

Einsam wacht Cristo Redentor auf der Spitze des Corcovados

Einsam wacht Cristo Redentor auf der Spitze des Corcovados...

... nur gestört durch unzählige Touristen, die scharf auf ein Erlöser-Foto waren

... nur gestört durch unzählige Touristen, die scharf auf ein Erlöser-Foto waren

Zovirax hilft hier eher nicht...

Zovirax hilft hier eher nicht...

Jesus Christ Superstar

Der steinerne Sohn Gottes hinterließ bei mir einen doppelten Eindruck. Zweifelsohne waren seine Größe, seine Bauweise und sein Gesichtsausdruck beeindruckend, doch irgendwie war sein Anblick aus der Ferne imposanter gewesen. Meiner Meinung nach lag das daran, dass Cristo Redentor von der Nähe aus nicht mehr den Eindruck vermittelte, ganz Rio zu bewachen und zu beschützen. Er war nun mehr ein riesiger Steinklotz, belagert von einer Unmenge Touristen, die sich mit ihm in der Erlöserposition aus jeder erdenklichen Perspektive ablichten lassen wollten. Es fehlte die Ruhe und Erhabenheit, die der steinerne Christus aus der Ferne vermittelt hatte. Irgendwie war er nun mehr ein Kommerz-Jesus. Außerdem sah man aus der Nähe, dass er Herpes hatte. Der Ausblick auf die Stadt und Umgebung war von dieser Position aus dennoch spektakulär und das traumhafte Wetter tat sein Übriges, um den Gesamteindruck stimmig erscheinen zu lassen.

Mit Gottes Segen den Berg hinab

Wir stiegen die Treppen wieder hinab und freuten uns bereits auf die Bergabfahrt im klimatisierten Kleinbus, als sich unsere Erwartung urplötzlich in Luft auflöste: Der Bus, der dort bereitstand, war zwar klein, doch offensichtlich auch für kleine oder zumindest für junge Menschen gebaut – es war ein ausgesprochen alter, grüner Schulbus. Ich starrte ihn an und dachte zum ersten Mal in meinem Leben, dass der TÜV vielleicht doch gar keine so schlechte Sache war. Der kubanisch angehauchte Fahrer des Gefährts sah aus, als würde er das Gewicht seines Transportmittels noch überbieten. Seiner guten Laune tat das keinen Abbruch, er versicherte uns, dass sein Bus von Gott gesegnet wäre. Tatsächlich baumelte ein kleines Kreuzlein an seinem Rückspiegel hin und her.

Ziemlich alter Schulbus: Von Gott gesegnet?

Ziemlich alter Schulbus: Von Gott gesegnet?

Unsere Zuversicht stieg in unermessliche Höhen. Dann fuhren wir los. Zwar gab der Bus Geräusche von sich, die ich noch von keinem motorisierten Gefährt gehört hatte, doch seine Bremsen versagten nicht und wir erreichten unsere Ausgangsposition tatsächlich unversehrt. Beinahe zumindest, denn mein Rücken fühlte sich aufgrund des nicht vorhandenden Sitzkomforts reichlich durchgenudelt an – und das, obwohl ich in eigentlich in einem Liegesitz gefahren war (ein reichlich durchgesessener Klapp-Notsitz!).

Party in Rio… ein bisschen

Der Tag war bereits weit fortgeschritten als wir wieder in unserem Hotelzimmer ankamen. Auf dem Weg dorthin erlebten wir noch einen leicht kirchlich angehauchten „Carnaval da Rua“ (Straßenkarneval) und setzten endlich einen Fuß auf die Copacabana, um dort eine Kokosnuss zu schlürfen. Am liebsten wäre ich danach direkt ins Bett gefallen um die ganzen Ereignisse erst einmal zu verdauen… wäre da nicht unser Wunsch gewesen, auch einmal das partywütige nächtliche Rio de Janeiro kennen zu lernen. Also beendeten wir den Tag nicht allzu frühzeitig im Bett, sondern gingen feiern: Erst im Hard Rock Café (das irgendwie nicht zu Brasilien passte und auch dementsprechend menschenleer war) und dann in einem „Barzinho“ mit Live-Musik, Disco-Arena, Freiluftbereich und erstaunlich europäischen Preisverhältnissen. Hier merkte man, dass Brasilianer nicht auf Importware im Partybereich standen. Neben der wirklich exzellenten, wenn auch ungemein starken Caipirinha (nie wieder deutsche Happy-Hour!) fanden sich dort auch einige brasilianische Schönheiten ein, sodass an diesem Tag zumindest einige meiner Vorstellungen über Brasilien erhalten wurden und ich lange nach Mitternacht zufrieden ins Bett fallen konnte.

Eine Antwort

  1. […] 23. Februar […]

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: