21. Februar

Grille oder Kreissägenmonster?

Grille oder Kreissägenmonster?

Schreckliches Erwachen

Wer zum Teufel fährt morgens um halb sechs mit einem Elektrorasenmäher direkt vor unserem Fenster vorbei? So oder ähnlich muss der erste Gedanke gewesen sein, der mir durch den Kopf fuhr, als mich ein rhythmisches, summendes und irgendwie penetrantes Geräusch aus den tiefsten Träumen riss. Ich blinzelte die beständig vor sich hin tickende Uhr auf der anderen Zimmerseite an. Am vergangenen Abend waren wir nach mehrstündiger Fahrt auf dem Landhaus angekommen, das zwar offiziell zum Staat Rio de Janeiro gehört, irgendwie aber dennoch mitten im Urwald liegt. Ein immenses Anwesen, tropisch und feucht, einladend. Viel mehr hatte ich an diesem Abend nicht mehr erkennen können, zu schwer waren die Augen vom harten Tag.

Das Geräusch wurde lauter und leiser, doch es wollte nicht verstummen. „Nina“, fragte ich verschlafen. „Nina, was’n das da draußen?“ Sie schien es ebenfalls gehört zu haben, doch war ihr die Quelle des Geräuschs wohl vertrauter als mir, dem Urwald-Neuling. „Eine Grille“, sagte sie recht munter, obschon gerade aufgewacht. Ich stellte mir ein riesiges Grillen-Alien vor, das mit einem Hochleistungs-Stromschocker vor unserem Fenster stand und nur darauf wartete, ihn einzusetzen. „Komische Grille“, sagte ich, „hat ’ne ganz schöne Ausdauer“. „Bist halt im Urwald“, erwiderte sie. „Gewöhn‘ dich lieber daran, dass du den ganzen Tag von Viechern umgeben sein wirst“. Mir wurde ein wenig flau im Magen, doch in diesem Moment meldete sich der Sonnenbrand wieder, den mir die brasilianische Sonne in nur sieben Minuten auf meinen bleichen Europäer-Pelz gebrannt hatte: Die wieder aufflammenden Schmerzen von meiner verbrannten Brust hinderten mich daran, meine Aufmerksamkeit dem Grillen-Monster zu widmen. Ich beschloss, beides soweit wie möglich zu ignorieren.

Wir schliefen noch ein wenig, bis uns die Strahlen der aufgehenden Sonne ins Gesicht schienen und warme, tropische Luft ins Zimmer drang. Das Grillen-Monster hatte sich wohl andere Opfer gesucht und so konnte ich meine immer noch etwas erschöpften Glieder ohne Angst ins Freie bewegen.

Landhaus - oder "Sitio", wie der Brasilianer zu sagen pflegt

Das Landhaus - oder "Sitio", wie der Brasilianer zu sagen pflegt

Der Anblick war herrlich. Herrlich grün. Vor mir, neben mir und um mich herum wuchsen Sträucher, Bäume ragten knorrig und ungehindert in die Höhe. Der Himmel war blau und die noch tiefstehende Sonne tauchte das Szenario in ein warmes, weiches Licht. Die Luft roch frisch, unverbraucht und nach Urlaub. Als ob die herrliche Wärme, der wolkenlose Himmel und das abenteuerliche Ambiente noch nicht genug imposante Eindrücke fürs Erste geboten hätten, verfügte das Landhaus noch über ein ganz besonderes Schmankerl: Eine kleine „Piscina“, gefüllt von frischem Quellwasser, das über einen kleinen, mit Wasserfällchen verzierten Bach kontinuierlich hineinkam. Mehr konnte sich ein vom Winterfrost geplagter Europäer nun wirklich nicht mehr wünschen. Es war gerade einmal vierundzwanzig Stunden her, dass unser Flugzeug mit einer Extraportion Chemie von Frost und Eis befreit werden musste. Nun warfen wir uns mit einer Extraportion Serotonin ins kühle, frische Nass, das sogleich unsere Lebensgeister erweckte.

Landhaus-Safari

Nachdem wir gefrühstückt hatten, begaben wir uns auf Landhaus-Safari. Ich fand es unheimlich faszinierend, wie auf „wenig“ Raum so viele verschiedene Pflanzen wachsen konnten. Mango-, Zitronen- und Avocadobäume, Bananenstauden, Nusssträucher und einige Pflanzen, die Früchte trugen, von deren Namen ich noch nicht einmal ansatzweise gehört hatte. Eine sah aus wie ein deformiertes Teenager-Gesicht mit üblen Akne-Problemen. Sie hieß „Jaca“ und wenn sie die Pubertät überstanden hatte, wurde sie von ihrem Mutterbaum in die Freiheit entlassen.

Picklige Frucht: Die "Jaca"

Picklige Frucht: Die "Jaca"

Darunter sitzen sollte man dann besser nicht, denn Jaca sah nicht nur groß und schwer aus, sie war es auch. Zumal sie nach ihrem Absturz meist noch ungleich deformierter aussah als davor. „Komische Früchte habt ihr hier“, war mein äußerst fundierter Kommentar dazu.

Ein ganz friedvolles Leben… oder doch nicht?

Schwimmen, umherwandern, faulenzen. So ließ es sich vorzüglich leben.

Wasser prusten statt Keuchhusten

Wasser prusten statt Keuchhusten

Vom Sonnen mag ich erst wieder sprechen, wenn sich meine Haut über das Engländer-Stadium hinwegbewegt haben wird. Bis dahin hilft Après Sun-Balsam und die Gewissheit, dass der Mensch ein Gewöhnungstier ist, das Schmerzen mit der Zeit nicht mehr wahrnimmt. Ablenkung ist übrigens auch ein exzellentes Mittel, um Schmerzen zu vergessen. Praktischerweise umgab eine ausreichende Menge Urwald das Landhaus, sodass man darin auch etwas länger umherwandern konnte, ohne dass es langweilig wurde: Zu vielfältig war die Fauna, zu ungewöhnlich verknotet schienen viele Bäume auf der Suche nach Licht emporgewachsen und zu anders war diese ganze Welt, als dass der Eindruck von Eintönigkeit hätte entstehen können. Regenwald zwischen Sao Paulo und Rio – wer hätte das gedacht. Das Klischee vom Urwald wäre jedoch nicht komplett gewesen, wären wir nicht noch einigen giftigen(?) Spinnen und sogar einer kleinen Schlange begegnet. Letztere jedoch hatte es – nachdem wir sie vorsichtig und aus sicherer Entfernung mit einem dicken Bambusstock begrüßt hatten – plötzlich sehr eilig, sich davonzuschlängeln und zu verstecken.

Uärgh...

Uärgh...

Nach unserer Rückkehr zum Landhaus aßen wir frische Mango und Ananas, badeten noch ein wenig und wanderten dann in den etwas entfernten Ort, der ursprünglich eine finnische Siedlung war, nunmehr aber eher an einen internationalen Rummelplatz mit Weihnachtsmann-Faible erinnerte, um meine für brasilianische Verhältnisse viel zu winterlichen Short durch Rio de Janeiro – kompatible blumige Bermudas zu ersetzen.

Low Voltage

Das Einzige, was bis zum Abend überhaupt nicht vielfältig erschien, war das Wetter. Den ganzen Tag hatte die Sonne geschienen, wenn überhaupt dann waren einige Schäfchenwolken vorbeigezogen. Doch wie um zu beweisen, dass der brasilianische Petrus auch anders konnte, zogen just in dem Moment, da wir vom Ort zurückkamen, dicke Gewitterwolken auf. Himmlisches Grummeln und Poltern näherten sich rasch und schon bald konnten wir die ersten Blitze am Himmel zucken sehen. Bis die ersten dicken Regentropfen fielen, war der Strom im Haus bereits einige Male kurz ausgefallen. Das war nicht unbedingt störend, passte eher recht gut zu einem schummrig-schaurigen Tropenabend. Genauso schnell, wie es kam, war das Gewitter dann auch wieder vorbeigezogen – was blieb, war ein leichter, nicht unangenehmer Wind, der frische, kühle Luft über das Landhaus hauchte.

Ein Tag wie aus dem Bilderbuch

Ein Tag wie aus dem Bilderbuch

Eine Antwort

  1. […] 21. Februar […]

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