Flattr: Eine Perspektive für Paid Content?

Am Anfang steht immer ein neuer, ultracooler Name. Kurz und einprägsam soll er sein und möglichst webzwonullig soll er klingen. Twitter und Blogger gibt es in der Internet-Zeitrechnung schon seit einer halben Ewigkeit, nun will noch ein weiterer Dienst mit der „r“-Endung ganz groß rauskommen: Flattr [ung.: Flädder] heißt das neue Projekt von Peter Sunde – ein „Kunst“-Wort, zusammengesetzt aus to flatter (schmeicheln) und Flatrate (daher ist das „e“ vor dem „r“ mitnichten ein Opfer einer radikalen Kürzungsmaßnahme) -, mit dem der nicht ganz unbekannte 31jährige (dazu unten mehr) mal ganz nebenbei Micropayment und Paid Content revolutionieren will. Praktisch ist der Name Flattr auch deshalb, weil man ihn ganz leicht verbalisieren kann: Neben „twittern“ könnten wir dann in Zukunft auch nach Belieben „flattern“.

Wie soll das funktionieren?

Genug der Deutschstunde. Warum sollten wir das überhaupt tun – flattern? Was ist Flattr überhaupt? Und wie funktioniert der Dienst?

Das Prinzip ist einfach: Content-Produzenten wie Blogger, Fotografen oder auch Medienunternehmen publizieren Inhalte, zum Beispiel Artikel, Fotos oder Videos. Mit Flattr können sie unterhalb ihres publizierten Inhalts einen „Flattr-Button“ einbauen. Klickt ein Rezipient auf diesen, so registriert das Flattr-System den Klick und zahlt dem Content-Produzenten am Ende des Monats einen gewissen Betrag. Wie hoch dieser ist, hängt davon ab, wie hoch der Rezipient sein individuelles monatliches Budget gesetzt hat und wie viele weitere Flattr-Buttons er in dem Abrechnungszeitraum angeklickt hat. Ein Beispiel: Nehmen wir an, unter diesem Blog-Eintrag befände sich der erwähnte Flattr-Button. Nun findet sich tatsächlich jemand, dem dieser Artikel hier gefällt, der bei Flattr angemeldet ist und der nun auf den Flattr-Button unter meinem Artikel klickt. Dieser altruistische Rezipient hat sich weiterhin ein monatliches Budget von zehn Euro gesetzt. Am Ende des Monats hat er neben meinem Artikel  noch vier weitere, über das Netz verstreute Inhalte angeklickt. Somit bekomme ich am Ende des Monats… rechne, rechne…. genau zwei Euro. Halt – wirklich zwei Euro? Nun, an der Rechnung gibt’s prinzipiell nichts auszusetzen, doch irgendwie will sich der Flattr-Dienst ja auch finanzieren. Daher werde ich wohl nicht um genau zwei Euro reicher werden, eher landen 1,80 Euro auf meinem Konto – geplant ist nämlich, dass Flattr zehn Prozent des „gespendeten“ Betrags einbehält. Peter Sunde erklärt das Flattr-Prinzip auf Flattr.com recht anschaulich. So, wie wir Freunden gerne ein Stück Kuchen schenken, um ihnen zu zeigen, was sie uns wert sind (oder weil der Kuchen furchtbar schmeckt und wir ihn nicht alleine essen wollen), so könnten wir uns bei Content-Produzenten, die durch ihre Publikationen einen Wert für uns schaffen, mit einem kleinen Geldbetrag bedanken.

Das Problem dabei: Ein Kuchen muss immer vollständig verteilt werden, sonst wird er schlecht und wandert in den Müll. Geld wird dagegen nicht schlecht. Vielmehr freut man sich gewöhnlich, wenn am Ende des Monats noch ein wenig davon übrig ist. Bei Flattr wird jedoch das gesamte, selbst gesetzte Monatsbudget – bleiben wir bei den zehn Euro – immer vollständig verteilt. Gibt es also zu wenige Seiten mit Flattr-Button oder gefallen mir innerhalb eines Monats nur wenige Artikel, so fließt den Urhebern ein Betrag zu, der eigentlich oberhalb meiner Zahlungsbereitschaft liegt. Meine zehn Euro sind am Ende des Monats auf jeden Fall immer futsch. Flattr spart nicht.

Kann das funktionieren?

Abgesehen von dieser Problematik, kann ein Prinzip wie Flattr grundsätzlich funktionieren? Wie steht es um die berüchtigten Gratis-Mentalität der Internetnutzer, die von verschiedenen Studien immer wieder als Quasi-Credo heraufbeschworen wird? Warum sollte ich die zehn Euro, die ich auf mein Flattr-Konto auflade, nicht alternativ in eine mobile Datenflatrate, einen Ultra-Eisbecher oder einen Strauß Blumen für meine Freundin investieren?

Ähnliche Fragen stellen sich, wenn wir vor der Entscheidung stehen, eine Spende – beispielsweise für Wikipedia – zu leisten. Der Online-Enzyklopädie, ohne die für viele von uns das Leben deutlich unkomfortabler wäre, sind im Verlauf der vergangenen Spendenaktion acht Millionen Dollar zugeflossen (um genau zu sein, sind sie der Wikimedia Stiftung zugeflossen). Und Google hat kürzlich noch einmal zwei Millionen draufgelegt. Geld ist für die Wikipedia mehr als nur die Sicherung ihres Fortbestandes. Es dient auch als Bestätigung für viele Tausend freiwillige Wiki-Redakteure, dass sie das Richtige tun, es ist eine Honorierung ihrer Leistungen (auch wenn sie von dem Geld nie einen Cent in die eigene Tasche stecken können). Das Flattr-Prinzip ist ein ähnliches: Auch hier honorieren Rezipienten den Content-Produzenten, indem sie ihm mehr als ein (für das Selbstwertgefühl sicherlich ebenfalls wichtiges) „Dankeschön“ in den Kommentaren hinterlassen. Mit jeder Flattr-Spende ermutigen sie den Produzenten, weiterzuarbeiten. Im Gegensatz zu einer Spendenaktion beschränkt sich Flattr dabei jedoch auf keinen festgelegten Spendenzeitraum.

Das Prinzip könnte also funktionieren. Essentiell ist, dass der zu honorierende Inhalt für den Nutzer einen erkenntlichen Mehrwert aufweist. Dann dürfte er auch bereit sein, sich materiell erkenntlich zu zeigen. Diese Bereitschaft wächst vermutlich, wenn sich die jeweiligen Spende-Beträge im Bereich der Mikro-Transaktionen respektive in Cent-Beträgen bewegen – iTunes zeigt hier den Weg. Persönlich empfinde ich bei vielen guten Artikeln im Netz das Bedürfnis, mich zu bedanken. Für gute Produkte bin ich bereit, zu zahlen. Würde Google von heute auf morgen monatlich fünf Euro für Google Mail, Chrome, usw. verlangen, würde ich sie ohne Zögern bezahlen – einfach, weil mir diese und weitere Dienste einen echten Mehrwert bieten. Auch für bestimmte Artikel des Medieninformationsdienstes Turi2 würde ich ein paar Cent hinlangen, bietet mir die Site doch den Mehrwert „Orientierung“ im Online-Informationsdschungel.

Paid Content reloaded?

Für Zeitungsportale und für viele andere Online-Medien eröffnen sich mit unkomplizierten Bezahllösungen wie Flattr somit vollkommen neue Möglichkeiten der Qualitätskontrolle. Funktioniert das System, so besteht die Chance, dass sich guter Journalismus wieder lohnt: Nur wenige Rezipienten werden bereit sein, auf den Flattr-Button unter einer massenhaft verbreiteten Pressemitteilung oder unter einem mit grammatikalischen und orthographischen Fehlern durchsetzten Artikel zu klicken (mal hoffen, dass ich mich mit letzterer Aussage nicht zu weit aus dem Fenster lehne…). Dagegen könnten ehemals belächelte Ressorts und Themen ihre Nischenzielgruppe finden, die bereit ist, für derartige Inhalte zu zahlen. Diese – womöglich zahlungskräftige – Rezipienten verteilen ihr Monatsbudget gegebenenfalls nur auf wenige Klicks, so dass dem einzelnen Artikel ein vergleichsweise hoher Betrag zufließen könnte.

Ein steiniger Weg?

Wichtig ist, dass Flattr als Dienstleistung so unkompliziert wie möglich gehalten wird, sowohl aus der Perspektive der Rezipienten als auch der Produzenten. Ein Klick auf den „Flattr-Button“ am Ende eines Artikels muss genügen, um eine Transaktion auszulösen. Dies sollte in Zeiten von vernetzten Nutzerkonten keine größere Herausforderung darstellen. Ebenfalls wichtig ist natürlich, dass Content-Produzenten die Flattr-Funktionalität problemlos und komfortabel in ihr Web-Angebot integrieren können.

Flattr steht allerdings auch vor gewaltigen Problemen. Kann ein solches Angebot genügend Reichweite aufbauen, um es im großen Stil zu vermarkten? Wie viele Rezipienten werden bereit sein, den Umweg über die Flattr-Registrierung in Kauf zu nehmen, um sich bei Content-Produzenten zu bedanken? Flattr muss die Bequemlichkeit der Nutzer überwinden. Die sehen nämlich womöglich erst einmal keinen Mehrwert darin, sich für den Dienst anzumelden, ihre Kontodaten preiszugeben und monatliche Zahlungen einzurichten. Das kostet Zeit. Um die Nutzer davon zu überzeugen, dass sich der Aufwand lohnt, muss Flattr massiv kommunizieren und – vor allem – Vertrauen schaffen. Der Dienst darf keine Zweifel daran lassen, dass der Großteil des gespendeten Betrags dem Content-Produzenten zugute kommt und nicht etwa in der digitalen Flattr-Tasche landet. Dass der Gründer von Flattr ein Mitgründer der Tauschplattform The Pirate Bay ist, dürfte die Vertrauensentwicklung kaum beschleunigen. Zudem ist die Grundidee von Flattr leicht zu imitieren: Etablierte Bezahlplattformen wie Click & Buy könnten ihr Produktportfolio mit relativ wenig Aufwand um einen „Thank & Pay“-Button erweitern und diesen als neue Funktion vermarkten.

Auf jeden Fall sollte Flattr einige von Jeff Jarvis in „What Would Google Do?“ vorgeschlagene Prinzipien beherzigen. Dazu gehört die Forderung „Get out of the way!“ – sobald sich der Dienst etabliert hat, sollte er möglichst wenig in der Beziehung zwischen Produzent und Rezipient intervenieren. Eine Marke muss sich heute nach einer intensiven Initialkommunikation nicht mehr aggressiv in den Mittelpunkt stellen, um wahrgenommen zu werden. Vielmehr geht es um ein anderes Prinzip, nämlich das der „elegant organization“, also das Versprechen von Dienstleistern, Bedürfnisse, die ohnehin schon existieren, besser zu befriedigen. In diesem Fall wäre das der Wunsch der Nutzer, sich bei Content-Produzenten zu bedanken. Digitale Inhalte sind wertvoll, doch ihre Honorierung ist vergleichsweise kompliziert. Wer würde nach dem Besuch einer öffentlichen Toilette erst einmal zum Bankautomaten rennen, um sich danach bei der Putze bedanken zu können – und dann auch noch mit der Frage: „Können se wechseln“? Die Münzen müssen in der Tasche sein, sonst gehen wir, den Blick nach unten gerichtet, an den tadelnden Augen der Putze vorbei in die Freiheit.

Sich bei Content-Produzenten zu bedanken könnte zukünftig einfacher werden. Das große Flattern um Flattr hat begonnen.

Chrom(e)atisch

Google Chrome

Google Chrome

Seit kurzem ist die erste Nicht-Beta-Version von Google Chrome verfügbar. Nachdem der Internet Explorer eine zweimonatige Chance vergab, sich nach einer Neuinstallation von Windows 7 auf meinem Computer zu bewähren, fliegt der Microsoft-Browser nun ohne ein Gefühl der Reue in die Tonne.  Zu viele „Internet Explorer funktioniert nicht mehr“-Meldungen und zu viel erfolgloses Suchen „nach einer Lösung“ hat mir verdeutlicht, dass man jene eben zuweilen manuell finden muss.

Chrome läuft jetzt seit einem Monat als mein Standard-Browser und ich habe noch keine nennenswerten Schwächen entdeckt. Mit der neuen Version 4.irgendwas ist Chrome beliebig erweiterbar – ein Feature, bei dem der Firefox bislang die Nase vorn hatte. Mit den Chrome-Erweiterungen kann ich zum Beispiel Facebook-Aktivitäten verfolgen, ohne die aktuelle Seite wechseln zu müssen – ein Klick auf den kleinen Facebook-Button neben der Adressleiste genügt. Auch gibt es eine Erweiterung, die Chrome wieder ein bisschen zum Internet Explorer macht – grausige Vorstellung, aber manche Websites (vorzugsweise die von Microsoft) sind nun mal für den „Funktioniert-nicht-mehr“-Browser optimiert und würden ansonsten unter Chrome fehlerhaft angezeigt werden.

Google schafft mit Chrome zudem etwas, woran die anderen Browserhersteller vermutlich nicht im Entferntesten denken: Google emotionalisiert sein Produkt. Erst heute bin ich auf die originelle Idee gestoßen, dass man Chrome verschenken kann. Hübsch eingepackt in verschiedene Designer-Verpackungen hüpft das dreidimensionale Browser-Logo dem Beschenkten dann entgegen, inklusive eines persönlichen Grußes. Ich find’s niedlich. Nun mag man an dem Nutzen zweifeln, ein ohnehin kostenloses Produkt zu verschenken. Doch neben einer ohne Zweifel dafür ansprechbaren studentischen Zielgruppe finden sich bestimmt auch andere Menschen, für die eine solche Aktion der Auslöser für einen Browserwechsel ist. Aus werbepsychologischer Sicht ist die Emotionalisierung ein kleiner Vorteil, den sich Chrome in der User-Wahrnehmung schafft.  Weiter so!

(Nein, ich werde weder von Google hierfür bezahlt, noch liegt mein Enthusiasmus daran, dass ich gegebenenfalls momentan eine besondere Affinität zu dem Unternehmen habe.)

Himmelfahrtskommando

Sky-Logo

Sky-Logo

Ich hatte ja gleich ein flaues Gefühl im Magen, als ich das Logo des frisch ge-rebrandeten umbenannten Senders Premiere zum ersten Mal sah. sky – der neue Name des Pay-TV Senders, bei dem ausnahmsweise zuerst einmal nicht beim Personal und im Programm gespart, sondern die Länge des Markennames eingedampft wurde – sollte das deutsche Bezahlfernsehen in ähnliche Höhen wie den britischen Sender BSkyB liften. Doch irgendwie sieht bereits das Logo aus, als wäre es halbherzig in PowerPoint 2007 kreiert worden. Wow, Transparenz und… wow, ein stylisher Relief- (oder Bevel?!) Effekt. Das lockt doch keinen Hund mehr hinterm Ofen und keinen Pinguin mehr hinterm Eisberg hervor.  

Hilfe von ganz weit oben – die hatte der defizitäre Pay-TV Sender Premiere bitter nötig, daran besteht kein Zweifel. Und sie kam – in Form der geballten Finanzkraft einer News Corp..  Doch Geldspritzen allein reichten nicht aus, denn unattraktive Pakete, unübersichtliche Preissysteme, Millionen Karteileichen und nicht zuletzt die geballte Konkurrenz der Free-TV Sender ließen den Bezahlfernsehanbieter immer weiter in die roten Zahlen rutschen. Die Marke war futsch, da war nichts mehr zu ändern. Also ab in den Markenhimmel (oder -hölle) mit Premiere, lang lebe die „Sky Deutschland AG“.

Vor Kurzem gab die Geschäftsführung nun das neue Preissystem von Sky bekannt. Es bedarf nicht vieler Worte, um meine Meinung dazu darzulegen: Dreck bleibt Dreck. Sky bietet weiterhin ausschließlich Programmpakete an, nirgends etwas von VoD oder Pay per View zu sehen. Der Zuschauer wird gezwungen, ein Basispaket mit zwei bis drei guten und unzähligen Schrott-Sendern zu abonnieren. Für das, was er wirklich sehen will (Kinofilme, Sport, …) darf er extra zahlen – in Zeiten der zunehmenden (zugegebenermaßen äußerst behäbigen) Verbreitung von IPTV ein Unding! Abgesehen davon wird’s für Fußballfreunde (der Großteil der Premiere-Abonnenten) ab Juli deutlich teurer.

Dass die Sky-Manager von ihrem „neuen“ alten Konzept selbst nicht überzeugt zu sein scheinen zeigte sich am 27. Mai 2009 im Münchner Literaturhaus: Dort präsentierten sie das neue Programmangebot nach einem Bericht des Medienmagazins DWDL.de äußerst lustlos und drückten sich vor klaren Statements. Die ganze Veranstaltung hatte den „Charme einer theoretischen Führerscheinprüfung“ (DWDL.de).

Ich kann mir schwerlich vorstellen, dass Premiere aka Sky mit dem „neuen“ Programmangebot neue Zuschauer gewinnen wird. Der Relaunch beschränkt sich auf ein verändertes Markenbild, doch dahinter wird alter Wein in neuen Schläuchen verkauft. Schade!

Update: Twitter dir einen

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© twitter.com

Ausgezwitschert?

So, nach knapp zwei Wochen Twitter-Erfahrung wird’s mal Zeit für einen kurzen Zwischenbericht. Dieser fällt eher nüchtern aus, denn der Twitter-Hype hat mich nicht gepackt. Woran das liegt? Nun, zuerst einmal daran, dass ich es oftmals schlichtweg vergessen habe, eine neue Statusmeldung einzutippen oder die Page überhaupt aufzurufen. Das mag einige meiner universitären Lehrkräfte in Entzücken versetzt haben, stand doch zuweilen tagelang auf meiner Twitter-Page, dass ich mich intensivst mit Mediencontrolling beschäftigen würde… mir jedoch fiel es selbst dann schwer, auf die eigentlich recht simple Frage „What are you doing“ zu antworten, wenn ich denn mal auf Twitter eingeloggt war. Unheilvolle Gedanken erfüllten dann meinen Geist: War mein Leben etwa zu ereignislos? Warum saß ich eigentlich herum während all diejenigen, denen ich virtuell folgte, irgendetwas Spannendes machten – zum Beispiel Herr Schäfer-Gümbel, der (noch vor seiner Niederlage)  politisch bedeutsame Ereignisse wie seinen Heringsessen-Marathon über Twitter dokumentierte. Da konnte ich nicht mithalten. Studentenalltag versus Zeitgeschichte, da musste es zwangsläufig einen Verlierer geben.

Social-Overflow

Das mag pathetisch klingen, aber es verdeutlicht einen Grundgedanken, warum ich Twitter als sinnloses Tool mit unausgeschöpftem Potenzial ansehe: Ich glaube einfach nicht, dass sich andere dafür interessieren, wenn ich zur Uni gehe, mir was hinter die Kauleiste schiebe oder im Wald herumlaufe. Und selbst wenn es jemanden interessieren würde, merkte ich zunehmend, dass ich all dies ganz gerne für mich behalte. Ganz abgesehen davon ist mir ein normaler Wochentag schlichtweg zu kurz, um mich regelmäßig um Facebook, StudiVZ, Xing, Qype, meinen Blog (jaja), Outlook und dann auch noch um Twitter zu kümmern.  Ich zölle denjenigen Respekt, die das schaffen, aber ich werde mich in Zukunft auf einige wenige Sooocial Tools konzentrieren müssen – sonst übermannt mich der garstige Entscheidungs-Overkill und am Ende sitze ich nur noch lethargisch in der Gegend herum. Es ist wirklich paradox, aber (zumindest gilt das für mich) bei je mehr Kommunikationsdiensten ich angemeldet bin, umso häufiger greife ich auf das klassische, altbewährte und früher von mir verhasste Telefon zurück. Ist das das Alter oder ist das Resignation?! Ich hab‘ zu viele Medien, holt mich hier raus.

Vielerorts wird Twitter bereits als unabdingbares Kommunikationsmittel für „alte“ Medien in einer „neuen“ Welt angesehen. Ob dabei die Touchfühlung mit den Rezipienten oder ein simpler PR-Kanal im Vordergrund steht, das ist noch unklar. Für mich bedeutet der Dienst kein neues richtungsweisendes Kommunikationsmittel. Ich mir kaum vorstellen, dass sich aus einem Unternehmen Online-Spielzeug, das mit doch recht kitschigen Wortfeldern wie „Tweets“, „zwitschern“, „Vögel“, etc. besetzt ist, ein seriöses Geschäftsmodell entwickeln soll.

Zwei Wochen Twitter reichen mir fürs Erste. Doch wer weiß, was in den nächsten zwei Wochen passiert. Digital verfasste Meinungen sind manchmal noch deutlich kurzlebiger als so manche Internet-Startups. Vielleicht schau‘ ich ja doch nochmal rein, wo ich gerade dabei bin….

Alter Wein in neuen Schläuchen

weltspiegel1Es mag alltäglich vorkommen, aber heute fiel es mir zum ersten Mal auf: Im Internet wird fröhlich zweitverwertet. Und scheinbar schrecken selbst  große Nachrichtenportale nicht davor zurück, Artikel von freien Journalisten, die bereits vor längerem auf Konkurrenzseiten publiziert wurden, unverändert zu übernehmen und sich zueigen zu machen.

Es geht um folgenden Artikel, der am 11.11.2008 (ich werd‘ närrisch!) im UniSpiegel von Spiegel Online erschien:

http://www.spiegel.de/unispiegel/wunderbar/0,1518,585518,00.html

Ganz unabhängig von der Frage, ob dieser Artikel gut, schlecht oder überhaupt moralisch vertretbar ist, hat ihn eine junge freie Journalistin drei Monate später – am 15. Januar 2009 – in die WELT gesetzt.

http://www.welt.de/vermischtes/article3033676/Selbstversuch-Ein-Tag-ohne-Wuerde-im-Altenheim.html

Die Dame scheint zumindest das Prinzip der Gewinnmaximierung verstanden zu haben, vereinbart sie doch mit der Doppel-Publikation mühelos publizistische und ökonomische Ansprüche miteinander. Jetzt müsste man sich natürlich fragen: Ist es überhaupt verwerflich, wenn ein freier Journalist seine Inhalte mehrfach anbietet? Nicht unbedingt, aber die Art und Weise, wie hier dem Leser vorgegaukelt wird, dass er einen „frischen“ Artikel vor sich habe, entspricht meiner Meinung nach nicht unbedingt journalistischen Ansprüchen. Außerdem verwischen solche Aktionen fortlaufend das ohnehin kaum erkennbare Profil von Online-Nachrichtensites.

Ganz besonders interessant ist bei der ganzen Sache auch, dass Welt Online in den Leser-Kommentaren fröhlich Zensur übt. Ein freundlicher Hinweis darauf, dass der Artikel nicht ganz taufrisch ist, wurde überaus schnell entfernt.

 

Update 18.38 Uhr: Ui, ich hab‘ es geschafft, dass WELT ONLINE einen Artikel gänzlich depubliziert! Da wird wohl jetzt eine bestimmte Person, die ihre Nutzungsrechte abgetreten hat, ziemlichen Ärger bekommen. 

2. Teil: Wer wird Quoten-Millionär?

Wer wird Quotenmillionär?Die GfK. Ein weiteres ominöses Kürzel, hinter dem sich weit mehr verbirgt als nur die trockene Bezeichnung Gesellschaft für Konsumforschung. Die GfK ist nach eigenen Angaben Deutschlands größtes Marktforschungsunternehmen.

Sie kennt Konsumwünsche und Bedürfnisse der deutschen Bürger, versetzt den Einzelhandel mit düsteren Prognosen über das Konsumklima in Angst und Schrecken und bestimmt ganz nebenbei die Struktur des deutschen Fernsehmarkts. Die Gesellschaft für Konsumforschung in Nürnberg weiß nicht nur, warum die dortigen Lebkuchen so beliebt sind, sondern auch, was auf Deutschlands Mattscheiben erfolgreich läuft. „Wie jetzt“, fragt sich der geneigte Leser zu Recht, „die GfK ist schuld an Verbrechen wie Deutschland sucht den Superstar, Dschungelcamp und Co.?“. Ganz so einfach ist es dann doch nicht. Die GfK überwacht und analysiert im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung ein so genanntes Fernsehpanel. In diesem Panel sitzt laut der GfK ganz Deutschland – reduziert auf 5.640 Haushalte oder knapp 13.000 Personen. Das sind immerhin knapp 0,02% der Gesamtbevölkerung. Genug, um das Fernsehverhalten der deutschen Bürger bei Bedarf minutengenau darzustellen, meint die GfK. Genug auch, um jeden Tag verlässliche Einschaltquoten zu liefern, die Fernsehsendern als Entscheidungshilfe dienen. Doch ist das wirklich so einfach?

Unter ständiger Überwachung

Die Versuchskaninchen im Fernsehpanel der GfK haben es nicht leicht: Jegliche Fernsehaktivität sollen sie mit Hilfe einer speziellen Fernsteuerung dokumentieren. Jeder Senderwechsel, jeder Gang zur Toilette und jedes neue fernsehende Familienmitglied muss mittels Knopfdruck registriert werden. Dazu kommt das ständige Gefühl, dass man irgendwie unter ständiger Beobachtung steht.

Von Amerikanern und Altruismus

Was bewegt die Menschen also dazu, am GfK-Panel teilzunehmen? Ist es eine Form von Machtbedürfnis, die dadurch kompensiert wird, dass man mit einem „Klick“ das Fernsehverhalten von 6.000 Menschen darstellt und eventuell einen knapp neun Milliarden Euro schweren Werbemarkt (Quelle: AGF) beeinflussen kann? Wohl kaum, denn bei einer Quote, die zumeist in Millionenwerten mit zwei Nachkommastellen ausgewiesen wird, machen sich individuelle Machtspielchen nicht bemerkbar. Die Quote einer „Wer wird Millionär“-Folge mit 5,4 Millionen Zuschauern wackelt nicht so schnell. Selbst wenn mehr als 15 Panelteilnehmer – die über 90.000 Deutsche repräsentieren – Günther Jauch nicht leiden können und ihm gern die Quote vermiesen würden, hat ihr Zapping kaum Auswirkungen auf die Interpretation der Zuschauerzahl. Finanzielle Anreize findet man bei der Suche nach der Teilnehmermotivation ebenfalls nicht: Der Entschädigungsbetrag, den die Panelteilnehmer erhalten, ist minimal. Schon allein deshalb muss es dem Fernsehpanel an Repräsentativität mangeln: Alle Studenten und Schwaben tangiert der ideelle Wert des Projekts wohl nur peripher, solange keine Münze in der Kasse klingelt. Auch Ausländer sind im Panel unterrepräsentiert. 140 Ausländerhaushalte dürfen Quote machen – aber nur, wenn der Hauptverdiener die Staatsangehörigkeit eines anderen EU-Staates besitzt. 2,8 Millionen (Quelle: Wikipedia) Türken, Amerikaner, Chinesen und viele andere in Deutschland lebende Ausländer müssen also draußen bleiben – eine Zahl, die für eine Vorabendserie als Einschaltquote wohl sehr wünschenswert wäre. Wie steht es um Meinungsführer und Trendsetter? Kaum vorstellbar, dass sie aus purem Altruismus ihre Meinung kundgeben und Einschränkungen ihres hedonistisch geprägten Alltags hinnehmen. Wer beweist, dass Rentner und andere technisch nicht versierte Menschen das GfK-Gerät richtig bedienen und nicht als spacigen Einrichtungsgegenstand betrachten? Was ist mit Opa Herbert, der beim sonntäglichen Tatort wieder vor der Flimmerkiste eingeschlafen ist und es im wahrsten Sinne des Wortes verpennt hat, sich zuvor abzumelden?

Glorreicher Quotensegen

Es ist nicht einfach, dem GfK-Panel mangelnde Repräsentativität zu unterstellen. Schwierig, mühsam und vielleicht sogar aussichtslos ist es, diesen Mangel zu beweisen. Sowohl für die Gesellschaft für Konsumforschung als auch für die Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung steht zu viel auf dem Spiel, als dass sie offenkundige Glaubwürdigkeitsmängel bestehen lassen würden. 20 Millionen Euro legt die AGF für die Pflege und Messung der Daten durch die GfK jährlich hin. Dazu suggerieren etliche externe und interne Gültigkeitsüberprüfungen – so genannte Coincidental Checks – eine hohe Reliabilität und interne sowie externe Validität des Panels. Was genau das bedeutet und wie diese Tests durchgeführt werden, ist Thema des nächsten Beitrags. Ein Gedanke soll bis dahin ein wenig nachdenklich stimmen: Quotenmessung im Fernsehen ist ein Qualitätskiller. Dies ergibt sich sowohl aus der soziodemografischen Struktur der Fernsehzuschauer in Deutschland als auch aus der Tatsache, dass ein Zuschauer, der nebenbei Musikvideos schaut, einen qualitativ gleichwertigen Quotenbeitrag wie ein konzentrierter Nachrichtenseher erzielt. Dank glorreichem Quotensegen dürfen wir uns also voraussichtlich noch lange an Spaßvögeln wie Uri Geller oder Nervensägen wie Dirk Bach erfreuen – Tendenz steigend…

1. Teil: Quo vadis, Quote?

Der Kampf um die QuoteDeutschland ist ein Quotenland. Ohne Ausländerquote geht an den meisten Universitäten nichts mehr. Politiker sorgen sich zunehmend um die wachsende Rentnerquote, Ökonomen sprechen von der Erwerbsquote. Sogar in der Wissenschaft beeinflusst die Zitationsquote die Bedeutung eines Forschers.

Doch ein spezifischer Bereich stellt quotentechnisch alles andere in den Schatten. In dieser Welt, deren König ein Quadrat oder zumindest ein Rechteck ist, regiert die Quote. Ohne gute Quote quakt hier niemand von einem Erfolg. Die Rede ist von Unternehmen, die sich mit so ominösen wie undurchsichtigen Abkürzungen wie AGF, GfK oder auch ARD schmücken. Während die beiden erstgenannten im direkten Zusammenhang mit ein wenig Fantasie noch recht leicht als „Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung“ oder „Gesellschaft für Konsumforschung“ identifiziert werden können, ist für viele bei der ARD Schluss – und das nicht nur aus alterstechnischer Sicht. „Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland“ zelebriert sich der entschlüsselte Name des Senders. Moment mal: Warum dann ARD und nicht AÖD, AÖRD oder gar AÖRRBD? Nun, die schlauen Köpfe hinter der leicht verstaubt anmutenden Senderbezeichnung werden ihre strategischen Gedanken baufest untermauert haben, als sie über eine kurze und aussagekräftige Abkürzung nachdachten. Nicht zuletzt könnten dabei Überlegungen eingeflossen sein, dass das Kernpublikum der ARD aufgrund unvermeidlicher Alterskurzsichtigkeit die Pünkchen über dem Ö nicht hätte entziffern können und es bei Diskussionen über das neueste Musikantenstadl zu Missverständnissen gekommen wäre.
 

Das Diktat der Quote 

Doch der tiefere Sinn dieses Artikels soll nicht sein, leicht polemisch über Abkürzungen und Altersstrukturen zu spekulieren. Wobei die Altersstruktur doch wieder relevant wird: Woher wissen wir überhaupt, dass der durchschnittliche ARD-Zuschauer, sagen wir, gereifter ist als der gemeine RTL-Rezipient? Das Zauberwort hierfür heißt wiederum Quote. Studien und Befragungen zufolge weist die ARD eine höhere Rentnerquote aus als RTL. RTL wiederum verzeichnet eine deutlich höhere abgehängte Proletariatsquote. Penible Medienmenschen würden an dieser Stelle vehement widersprechen: Nicht allein die Quote sei entscheidend, sondern Marktanteil, Sinus-Milieus, Sehdauer und Affinitätsindizes spielten ebenfalls eine Rolle. Derart hochtrabende Begriffe ändern die Tatsachen nicht. Letztlich bestimmt die Quote, ob Bruce bei der ARD bleibt oder ob seine Styling-Show totally abgesetzt wird. Die Quote diktiert Preise für Werbefenster, in denen Maggi, Knorr und tausend andere Unternehmen um die Gunst der nimmersatten Rezipienten werben. Die Quote bestimmt über Leben und Tod im Fernsehgeschäft, über Sein oder Nichtsein von ganzen Sendeformaten. Grund genug anzunehmen, dass gerade diese Quoten auf einer zementierten Datengrundlage basieren. Die Studien und Befragungen, die ARD und RTL eine unterschiedliche Zuschauerstruktur bescheinigen, werden zuverlässig und repräsentativ sein. Doch ist das wirklich so? Quotenquatsch oder Qualitätsversprechen – was zeichnet die Fernsehlandschaft wirklich aus?

Das erfahrt ihr – vielleicht ein klein wenig subjektiv geprägt – im nächsten Beitrag. Hoffen wir, dass das Zeitfenster dazwischen deutlich geringer ausfallen wird, als es zuletzt der Fall war. Immerhin: Mir kann niemand nachsagen, dass ich quotengetrieben bin. Bei durchschnittlich zwei Lesern im Monat kann ich dafür aber auch unbeeinflusst darüber schreiben, was meine Ganglien zurzeit quält.