24. Februar

Tortour am Morgen

Irgendwie wollte mir der Bergsteiger von vorgestern nicht aus dem Kopf gehen. Während er dabei war, schwitzend den Zuckerhut zu erklimmen, war ich gemütlich mit der Seilbahn über ihn hinweg gefahren. So konnte das nicht weitergehen, ich brauchte dringend auch eine körperliche Herausforderung. Also ging ich am Morgen mit Nina am Flussufer in der Nähe laufen. Das war zwar weitaus weniger gefährlich als Bergsteigen, hatte aber durchaus exotisches Flair: Feuchte, dicke Luft stieg vom Fluss in Richtung des palmengesäumten Ufers auf. Sie intensivierte die ohnehin schon drückende Hitze (um 08.00 Uhr morgens!) und roch ziemlich eigensinnig, nämlich nach leicht verfaulten Mangroveblättern.

Von diesen Ufern stieg ein tückischer Geruch auf

Von diesen Ufern stieg ein tückischer Geruch auf

Während ich leicht asthmatisch neben Nina herlief und nach Luft hechelte, dachte ich darüber nach, dass brasilianische Flüsse ohnehin meist nicht besonders gut riechen – weder der „Fluss“ durch São Paulo, noch dieser hier in Rio de Janeiro. Wenn schon dem heimischen Rhein nachgesagt wird, dass man an manchen Stellen mit mehr Körperteilen wieder herauskommt als man hineingegangen war, wollte ich erst gar nicht wissen, was ein Bad in diesem Fluss bewirkte. Wir liefen ganze sieben Kilometer. Als ich danach mein T-Shirt zusammenknäuelte, war ich mir sicher, dass mein Körper keinerlei Flüssigkeiten mehr enthalten konnte. Nina erging es ähnlich – wir beschlossen, dass wir nun genug Abenteuer fürs Erste erlebt hatten. Als wir kurze Zeit später in das herrlich kühle Wasser des Swimmingpools eintauchten, war aber alle Anstrengung bereits wieder vergessen. Wir konnten ja noch nicht ahnen, dass wir heute noch einmal baden gehen würden…

Abschied von Rio

Wir mussten Abschied von Rio nehmen. Bereits nach dem Frühstück packten wir alle Sachen zusammen, denn unsere heutige Reiseroute war eng gestrickt: Entlang der Küste sollte es nach Parati gehen, ein Ort, der vor allem für seine historische Altstadt im Kolonialstil berühmt ist. Historische Altstädte sind in Deutschland nichts Seltenes, der gemeine Brasilianer hingegen scherte sich in der Vergangenheit unglücklicherweise wenig um den Wert seines kulturellen Erbes und plättete viele alte Innenstädte zugunsten von schicken Wolkenkratzern und zwölfspurigen Straßen. Heute hat man diesen Frevel erkannt und bemüht sich, die restlichen Städte im Kolonialstil unter Denkmalschutz zu stellen, doch viele Zeitzeugnisse sind irreversibel zerstört.

Rio de Janeiro lag bereits hinter uns als wir über grüne Berge und durch üppig bewaldete Landschaften Richtung Meer fuhren. Das Wetter war noch immer warm, gleichwohl hatten sich einige Wolken über uns gebildet. Diese verdichteten sich zunehmend, doch schaffte es die Sonne immer wieder, sie zu durchbrechen und unser Auto in eine Minisauna zu verwandeln.

Düstere Wolken: Nur ein kurzer Regenschauer?

Düstere Wolken: Nur ein kurzer Regenschauer?

Zwischendurch mussten wir ein bisschen frische Luft schnappen und uns die Beine vertreten; außerdem war die Landschaft einfach zu schön, um sie nur vom Auto aus zu betrachten. Das Meer, welches wir von einem dieser Aussichtspunkte gut beobachten konnten, erschien mir eher wie ein riesiger See. Die grünen Inseln, die vielen Bäume und die angrenzende Graslandschaft wollten einfach nicht zu der in mir präsenten Vorstellung von Wasser und Sand soweit das Auge reicht passen. Ok, an der Nordsee gibt’s eben noch ein bisschen Schlamm und in Portugal ein paar Klippen dazu, aber diese Art von Meer hier war mir neu.

Grüne Küste: Hinsetzen und genießen

Grüne Küste: Hinsetzen und genießen

Feuchte Begrüßung

Als wir ungefähr eine Stunde von Parati entfernt waren, fielen die ersten Regentropfen. „Das wird sich wohl um einen dieser kurzen brasilianischen Regenschauer handeln“, sagte ich mir. „Wird sich schon wieder bessern, wenn wir erst einmal in Parati sind.“ Als hätte ich laut gedacht, sagte Ninas Bruder in diesem Moment:  „Typisch für Parati, da regnet’s immer!“. Im Nachhinein würde ich sagen, dass man Dinge besser nicht heraufbeschwören sollte, aber in jenem Moment war ich mir sicher, dass sich Ninas Bruder täuschte. Immerhin hatte ich bis dahin noch keinen Regenguss in Brasilien erlebt, der länger als eine Stunde dauerte. Und so war es dann auch: Kurz vorm Ortseingang ließ der Regen nach und wir fuhren über Kopfsteinpflaster, das nach längst vergangenen Zeiten aussah, ins Zentrum der Stadt. Um das Auto nicht in irgendeiner Seitenstraße stehen zu lassen, parkten wir es auf einem bewachten Parkplatz (eher einer „Parkwiese“) und… standen im Regen. Nicht in diesem leichten Gute-Laune-Regen von vorhin, nein, das hier war ein Regen von der übelsten Sorte. Glücklicherweise waren wir noch nicht ausgestiegen, denn binnen Sekunden prasselten dicke Tropfen auf die Windschutzscheibe und wühlten den Boden neben uns auf. Der Himmel wurde dunkel, richtig dunkel und gab uns damit zu verstehen, dass wir es nicht mit einem kurzen Schauer zu tun haben würden und Friede, Freude und Sonnenschein nun mindestens so weit entfernt waren wie der Zuckerhut von Parati. Wir waren ziemlich ratlos: Sollten wir sechs Stunden gefahren sein, nur damit uns ein fieser Landregen die Stimmung verdirbt? Nein, so ging das nicht. Also bewaffneten wir uns mit zwei Regenschirmen aus dem Kofferraum und einigen wasserabweisenden Regencapes, die in allen Läden in der Nähe verkauft wurden (warum nur…?) und wanderten Richtung Altstadt-Zentrum. Na ja, wir schwammen. Wassermassen prasselten unvermindert vom Himmel auf uns und die Stadt nieder. Die Kanalisation war diesem Monsunähnlichen Regensturm nicht gewachsen und so füllten sich Straßen und Gehwege vor uns zunehmend mit Wasser. Bald mussten wir knöcheltief durch Regenwasser waten, ein Erlebnis der ganz besonderen Art. Denn obwohl ich bereits von oben bis unten durchnässt war – aus ästhetischen Gründen hatte ich meinen durchsichtigen Müllsack anderen Bedürftigen überlassen und mich mit einem Regenschirm ausgestattet, der jedoch den von oben und seitlich kommenden Regen nur minimal abhielt – und es rund um mich herum stürmte, machte es Spaß, durch das lauwarme Wasser zu laufen. Es roch nach Abenteuer und der ungezügelten Macht der Natur. Die Einheimischen schienen an derartige oder zumindest ähnliche Schauer gewöhnt, denn sie waren bestens darauf vorbereitet: Der Eisverkäufer, eben noch neben seinem Wagen sitzend, hatte den Sonnenschirm seines Gefährts zu einem Regenschirm umfunktioniert und flüchtete nun in die nächste Bar, wo sein Bierchen schon wartete.

Fliehender Eisverkäufer: Ab in die nächste Bar

Fliehender Eisverkäufer: Ab in die nächste Bar

Fahrradfahrer fuhren durch die überschwemmten Straßen und sogar eine Pferdekutsche bahnte sich trotzig ihren Weg durch die Wassermassen.

Pferdekutsche im Regen: Sicher unterwegs mit natürlichem Motor

Pferdekutsche im Regen: Sicher unterwegs mit natürlichem Motor

Als dann jedoch der erste Blitz am Himmel zuckte, stand ich im gleichen Moment eine Ebene höher neben dem Wasser -aus dem Physik-Unterricht war hängen geblieben, dass zwischen Wasser und Hochspannung ein gefährlicher Zusammenhang bestand. Wie es der Zufall wollte, befand ich mich in einem Cachaça-Laden, der unzählige Sorten Zuckerrohrschnaps verkaufte.

Cachaca-Laden in Parati: Wer findet die Pitú?

Cachaca-Laden in Parati: Wer findet die Pitú?

Ich hatte zwar nicht wenig Lust, mir von jedem ein Schlückchen zu genehmigen (natürlich reiner Verköstigungszweck!), doch lag mein Geld im Auto und die Verkäuferin schien vom Wetter schon genug genervt zu sein, als dass sie auch noch einem dahergelaufenen Touristen eine Schnapsprobe anbieten würde. Also wateten wir weiter durch überlaufene Straßen. Die historische Altstadt war uns plötzlich ziemlich egal, Hauptsache raus aus diesem Dauerfeuchtgebiet. Wir schafften es zum Auto, doch fragten wir uns im gleichen Moment, wie es ohne Schwimmflügel wieder aus der Stadt hinaus kommen sollte. Wir entschieden uns für die „Augen zu und durch“-Variante.

(K)ein Wasserschaden

Der Wagen sprang ohne Verzögerung an. Wir saßen drin – und hatten Herzklopfen. Wir durften in den überschwemmten Straßen kein einziges Mal stehen bleiben, sonst drohte dem Auto ein totaler Motorschaden durch Wassereintritt. Gut zwei Kilometer Wasserstraße lagen vor uns, bevor wir die rettende Landstraße erreichen würden. Totenstille im Volkswagen. Dann rollte er vom Parkplatz auf das mittlerweile knietief überflutete Kopfsteinpflaster. Ein Geräusch wie ein Schiff, das gerade vom Dock ins Wasser gelassen wird. Der Motor dröhnte bei 4.000 Umdrehungen. Ganz langsam fuhren wir die überschwemmte Straße entlang. Plötzlich ließ eine Temposchwelle unter uns das Auto erzittern. „Verdammte Hoppelchen“, dachte ich mir noch, als die Federung den Wagen plötzlich ein ganzes Stück tiefer sacken ließ und vom Motor- und Auspuffbereich bedrohliche Geräusche kamen. Doch das Auto starb nicht ab. Was für eine Höllenkutsche. Wir kämpften uns weiter durch und dann, endlich, tauchten die Reifen aus den Wassermassen auf und hatten statt Kopfsteinpflaster wieder Asphalt unter sich. Wir hatten es geschafft – vorerst.

Am Tag noch freundlich und einladend, war die Straße nun neblig, dunkel und bedrohlich. Erschwerend kam hinzu, dass es weiterhin regnete und das Abblendlicht unseres fahrbaren Untersatzes die Leuchtkraft einer Öllaterne hatte. Dafür beleuchtete es die Baumkronen und feuchten Eulen über uns. Irgendwas musste falsch eingestellt worden sein, doch hatten wir weder die Fertigkeiten eines Automechanikers noch die Lust, im Dunkeln an Autolampen herum zu montieren, sodass wir uns lieber an den Rückleuchten der wenigen überholenden Fahrzeuge und an sporadisch auftretenden Leuchtstreifen orientierten. Eines war jedoch klar: Die mehreren hundert Kilometer bis zum Landhaus, welches an diesem Tag unser eigentliches Endziel gewesen war, würden wir bei diesen Verhältnissen ohne Herzinfarkt und Blechschaden niemals schaffen. Zudem schienen die Parati-Wassermassen dem Motor nicht gut getan zu haben, denn er drohte jedes Mal abzusterben, wenn er eine bestimmte Drehzahl unterschritt. Glücklicherweise befand sich in der Nähe ein Hotel, das dem Namen nach im Wald stand, tatsächlich aber am Meer lag und das wir unter Zuhilfenahme sämtlicher verfügbarer Fahrkünste unversehrt erreichten. Der Portier staunte zwar nicht schlecht, als er fünf durchnässte Gestalten in einem Auto sitzen sah, dessen Motor sich auch im Stehen nicht beruhigen wollte, doch hielt er uns nicht für so verrückt um uns wieder wegzuschicken. Und dann saßen wir endlich im Trockenen, unter einem Strohdach. Ein reichlich feuchter Tag war das gewesen. Ein abgefahrener Tag, den wir schließlich mit einem exotischen Cocktail begossen, bevor wir dann endgültig ins Bett fielen.

Eine Antwort

  1. […] 24. Februar […]

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