Flattr: Eine Perspektive für Paid Content?

Am Anfang steht immer ein neuer, ultracooler Name. Kurz und einprägsam soll er sein und möglichst webzwonullig soll er klingen. Twitter und Blogger gibt es in der Internet-Zeitrechnung schon seit einer halben Ewigkeit, nun will noch ein weiterer Dienst mit der „r“-Endung ganz groß rauskommen: Flattr [ung.: Flädder] heißt das neue Projekt von Peter Sunde – ein „Kunst“-Wort, zusammengesetzt aus to flatter (schmeicheln) und Flatrate (daher ist das „e“ vor dem „r“ mitnichten ein Opfer einer radikalen Kürzungsmaßnahme) -, mit dem der nicht ganz unbekannte 31jährige (dazu unten mehr) mal ganz nebenbei Micropayment und Paid Content revolutionieren will. Praktisch ist der Name Flattr auch deshalb, weil man ihn ganz leicht verbalisieren kann: Neben „twittern“ könnten wir dann in Zukunft auch nach Belieben „flattern“.

Wie soll das funktionieren?

Genug der Deutschstunde. Warum sollten wir das überhaupt tun – flattern? Was ist Flattr überhaupt? Und wie funktioniert der Dienst?

Das Prinzip ist einfach: Content-Produzenten wie Blogger, Fotografen oder auch Medienunternehmen publizieren Inhalte, zum Beispiel Artikel, Fotos oder Videos. Mit Flattr können sie unterhalb ihres publizierten Inhalts einen „Flattr-Button“ einbauen. Klickt ein Rezipient auf diesen, so registriert das Flattr-System den Klick und zahlt dem Content-Produzenten am Ende des Monats einen gewissen Betrag. Wie hoch dieser ist, hängt davon ab, wie hoch der Rezipient sein individuelles monatliches Budget gesetzt hat und wie viele weitere Flattr-Buttons er in dem Abrechnungszeitraum angeklickt hat. Ein Beispiel: Nehmen wir an, unter diesem Blog-Eintrag befände sich der erwähnte Flattr-Button. Nun findet sich tatsächlich jemand, dem dieser Artikel hier gefällt, der bei Flattr angemeldet ist und der nun auf den Flattr-Button unter meinem Artikel klickt. Dieser altruistische Rezipient hat sich weiterhin ein monatliches Budget von zehn Euro gesetzt. Am Ende des Monats hat er neben meinem Artikel  noch vier weitere, über das Netz verstreute Inhalte angeklickt. Somit bekomme ich am Ende des Monats… rechne, rechne…. genau zwei Euro. Halt – wirklich zwei Euro? Nun, an der Rechnung gibt’s prinzipiell nichts auszusetzen, doch irgendwie will sich der Flattr-Dienst ja auch finanzieren. Daher werde ich wohl nicht um genau zwei Euro reicher werden, eher landen 1,80 Euro auf meinem Konto – geplant ist nämlich, dass Flattr zehn Prozent des „gespendeten“ Betrags einbehält. Peter Sunde erklärt das Flattr-Prinzip auf Flattr.com recht anschaulich. So, wie wir Freunden gerne ein Stück Kuchen schenken, um ihnen zu zeigen, was sie uns wert sind (oder weil der Kuchen furchtbar schmeckt und wir ihn nicht alleine essen wollen), so könnten wir uns bei Content-Produzenten, die durch ihre Publikationen einen Wert für uns schaffen, mit einem kleinen Geldbetrag bedanken.

Das Problem dabei: Ein Kuchen muss immer vollständig verteilt werden, sonst wird er schlecht und wandert in den Müll. Geld wird dagegen nicht schlecht. Vielmehr freut man sich gewöhnlich, wenn am Ende des Monats noch ein wenig davon übrig ist. Bei Flattr wird jedoch das gesamte, selbst gesetzte Monatsbudget – bleiben wir bei den zehn Euro – immer vollständig verteilt. Gibt es also zu wenige Seiten mit Flattr-Button oder gefallen mir innerhalb eines Monats nur wenige Artikel, so fließt den Urhebern ein Betrag zu, der eigentlich oberhalb meiner Zahlungsbereitschaft liegt. Meine zehn Euro sind am Ende des Monats auf jeden Fall immer futsch. Flattr spart nicht.

Kann das funktionieren?

Abgesehen von dieser Problematik, kann ein Prinzip wie Flattr grundsätzlich funktionieren? Wie steht es um die berüchtigten Gratis-Mentalität der Internetnutzer, die von verschiedenen Studien immer wieder als Quasi-Credo heraufbeschworen wird? Warum sollte ich die zehn Euro, die ich auf mein Flattr-Konto auflade, nicht alternativ in eine mobile Datenflatrate, einen Ultra-Eisbecher oder einen Strauß Blumen für meine Freundin investieren?

Ähnliche Fragen stellen sich, wenn wir vor der Entscheidung stehen, eine Spende – beispielsweise für Wikipedia – zu leisten. Der Online-Enzyklopädie, ohne die für viele von uns das Leben deutlich unkomfortabler wäre, sind im Verlauf der vergangenen Spendenaktion acht Millionen Dollar zugeflossen (um genau zu sein, sind sie der Wikimedia Stiftung zugeflossen). Und Google hat kürzlich noch einmal zwei Millionen draufgelegt. Geld ist für die Wikipedia mehr als nur die Sicherung ihres Fortbestandes. Es dient auch als Bestätigung für viele Tausend freiwillige Wiki-Redakteure, dass sie das Richtige tun, es ist eine Honorierung ihrer Leistungen (auch wenn sie von dem Geld nie einen Cent in die eigene Tasche stecken können). Das Flattr-Prinzip ist ein ähnliches: Auch hier honorieren Rezipienten den Content-Produzenten, indem sie ihm mehr als ein (für das Selbstwertgefühl sicherlich ebenfalls wichtiges) „Dankeschön“ in den Kommentaren hinterlassen. Mit jeder Flattr-Spende ermutigen sie den Produzenten, weiterzuarbeiten. Im Gegensatz zu einer Spendenaktion beschränkt sich Flattr dabei jedoch auf keinen festgelegten Spendenzeitraum.

Das Prinzip könnte also funktionieren. Essentiell ist, dass der zu honorierende Inhalt für den Nutzer einen erkenntlichen Mehrwert aufweist. Dann dürfte er auch bereit sein, sich materiell erkenntlich zu zeigen. Diese Bereitschaft wächst vermutlich, wenn sich die jeweiligen Spende-Beträge im Bereich der Mikro-Transaktionen respektive in Cent-Beträgen bewegen – iTunes zeigt hier den Weg. Persönlich empfinde ich bei vielen guten Artikeln im Netz das Bedürfnis, mich zu bedanken. Für gute Produkte bin ich bereit, zu zahlen. Würde Google von heute auf morgen monatlich fünf Euro für Google Mail, Chrome, usw. verlangen, würde ich sie ohne Zögern bezahlen – einfach, weil mir diese und weitere Dienste einen echten Mehrwert bieten. Auch für bestimmte Artikel des Medieninformationsdienstes Turi2 würde ich ein paar Cent hinlangen, bietet mir die Site doch den Mehrwert „Orientierung“ im Online-Informationsdschungel.

Paid Content reloaded?

Für Zeitungsportale und für viele andere Online-Medien eröffnen sich mit unkomplizierten Bezahllösungen wie Flattr somit vollkommen neue Möglichkeiten der Qualitätskontrolle. Funktioniert das System, so besteht die Chance, dass sich guter Journalismus wieder lohnt: Nur wenige Rezipienten werden bereit sein, auf den Flattr-Button unter einer massenhaft verbreiteten Pressemitteilung oder unter einem mit grammatikalischen und orthographischen Fehlern durchsetzten Artikel zu klicken (mal hoffen, dass ich mich mit letzterer Aussage nicht zu weit aus dem Fenster lehne…). Dagegen könnten ehemals belächelte Ressorts und Themen ihre Nischenzielgruppe finden, die bereit ist, für derartige Inhalte zu zahlen. Diese – womöglich zahlungskräftige – Rezipienten verteilen ihr Monatsbudget gegebenenfalls nur auf wenige Klicks, so dass dem einzelnen Artikel ein vergleichsweise hoher Betrag zufließen könnte.

Ein steiniger Weg?

Wichtig ist, dass Flattr als Dienstleistung so unkompliziert wie möglich gehalten wird, sowohl aus der Perspektive der Rezipienten als auch der Produzenten. Ein Klick auf den „Flattr-Button“ am Ende eines Artikels muss genügen, um eine Transaktion auszulösen. Dies sollte in Zeiten von vernetzten Nutzerkonten keine größere Herausforderung darstellen. Ebenfalls wichtig ist natürlich, dass Content-Produzenten die Flattr-Funktionalität problemlos und komfortabel in ihr Web-Angebot integrieren können.

Flattr steht allerdings auch vor gewaltigen Problemen. Kann ein solches Angebot genügend Reichweite aufbauen, um es im großen Stil zu vermarkten? Wie viele Rezipienten werden bereit sein, den Umweg über die Flattr-Registrierung in Kauf zu nehmen, um sich bei Content-Produzenten zu bedanken? Flattr muss die Bequemlichkeit der Nutzer überwinden. Die sehen nämlich womöglich erst einmal keinen Mehrwert darin, sich für den Dienst anzumelden, ihre Kontodaten preiszugeben und monatliche Zahlungen einzurichten. Das kostet Zeit. Um die Nutzer davon zu überzeugen, dass sich der Aufwand lohnt, muss Flattr massiv kommunizieren und – vor allem – Vertrauen schaffen. Der Dienst darf keine Zweifel daran lassen, dass der Großteil des gespendeten Betrags dem Content-Produzenten zugute kommt und nicht etwa in der digitalen Flattr-Tasche landet. Dass der Gründer von Flattr ein Mitgründer der Tauschplattform The Pirate Bay ist, dürfte die Vertrauensentwicklung kaum beschleunigen. Zudem ist die Grundidee von Flattr leicht zu imitieren: Etablierte Bezahlplattformen wie Click & Buy könnten ihr Produktportfolio mit relativ wenig Aufwand um einen „Thank & Pay“-Button erweitern und diesen als neue Funktion vermarkten.

Auf jeden Fall sollte Flattr einige von Jeff Jarvis in „What Would Google Do?“ vorgeschlagene Prinzipien beherzigen. Dazu gehört die Forderung „Get out of the way!“ – sobald sich der Dienst etabliert hat, sollte er möglichst wenig in der Beziehung zwischen Produzent und Rezipient intervenieren. Eine Marke muss sich heute nach einer intensiven Initialkommunikation nicht mehr aggressiv in den Mittelpunkt stellen, um wahrgenommen zu werden. Vielmehr geht es um ein anderes Prinzip, nämlich das der „elegant organization“, also das Versprechen von Dienstleistern, Bedürfnisse, die ohnehin schon existieren, besser zu befriedigen. In diesem Fall wäre das der Wunsch der Nutzer, sich bei Content-Produzenten zu bedanken. Digitale Inhalte sind wertvoll, doch ihre Honorierung ist vergleichsweise kompliziert. Wer würde nach dem Besuch einer öffentlichen Toilette erst einmal zum Bankautomaten rennen, um sich danach bei der Putze bedanken zu können – und dann auch noch mit der Frage: „Können se wechseln“? Die Münzen müssen in der Tasche sein, sonst gehen wir, den Blick nach unten gerichtet, an den tadelnden Augen der Putze vorbei in die Freiheit.

Sich bei Content-Produzenten zu bedanken könnte zukünftig einfacher werden. Das große Flattern um Flattr hat begonnen.

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