Weißwein und die Rheinhessenleber

Das war aber auch schwer... :-)

Weinbeurteilungsbogen mit Zweifeln

Ganz früher war die Welt einfach. Wein schmeckt nicht, da war ich mir sicher. Traubensaft stand bei mir damals ganz hoch im Kurs. Irgendwann im Laufe der Zeit wurde die Sache komplizierter – Wein schmeckte mir zwar immer noch nicht wirklich, doch wenn „lieblich“ auf dem Ettikett stand, war’s in Ordnung. Dann kam ich nach Mainz. Und von dem Zeitpunkt an konnte ich es mir nicht mehr leisten, meine etwas pragmatische Unterscheidung zwischen „süß“ und „nicht süß“ weiter zu vertreten (ebenso wie meine sich als folgenschwer herausstellende Aussage, die Rheinhessen mit den Rheingauern gleichsetzte… sollte man nicht tun).

Die Rheinhessen sind Weinliebhaber, deshalb wollte ich auch einer werden. Vielleicht war dieser Gedanke zu Beginn meines Studiums etwas blauäugig – auch die Rheinhessen vergewaltigen ihre armen Trauben oft genug, stecken sie in überdimensionale Tetrapacks und schreiben „Tafelwein“ darauf (eine ganz besondere Qualität, mit der ich in den ersten Semestern ausgiebig Bekanntschaft machen durfte). Trotzdem war es angesichts der riesigen Auswahl insbesondere an hiesigen Weißweinen nicht besonders schwierig, sich mit dem ein oder anderen Tropfen anzufreunden. Daher war ich mir sicher, dass sich mein Geschmackssinn über die Jahre so weit entwickelt hatte, dass er durchaus einige regionale Sorten erkennen könnte.

Weißweinrad

Weißweinrad

Es kam die Gelegenheit um mir selbst zu beweisen, dass dem nicht so ist. Im Rahmen einer kleinen Weinprobe nahm ich an einer Blindverkostung von sieben Weißweinen teil. Neben der Herausforderung, die jeweilige Sorte zu erkennen ging es darum, die Unterschiede zwischen „Weinland“- und „Discounter“-Weinen zu schmecken. Bereits als ich den Kriterienbogen zur Beurteilung der Weißweine sah zeichnete sich ab, dass der Abend harte Arbeit für den Geschmackssinn werden würde. Weinexperten müssen wohl einerseits ziemlich kreativ sein, wenn sie Geschmacksrichtungen wie „Getoastetes Holz“, „Schweiß“ oder „Mottenkugel“ in den Kriterienkatalog mit aufnehmen. Andererseits sind sie mir seit diesem Tag auch ein wenig unheimlich, denn sie scheinen zu wissen, wie derartiges schmeckt.

Nun, letztlich kam es, wie es kommen musste. Von den sieben Sorten erkannte ich genau eine und belegte glamorös den letzten Platz. Unterschiede zwischen „Discounter-“ und „Weinland“-Weinen erkannte ich auch nicht. Es hilft wohl nichts, dies alles auf die Tatsache zu schieben, dass die Weinprobe studentisch organisiert war, die Probengläser dementsprechend voll gefüllt wurden und die meisten der Teilnehmer anscheinend über besonders ausdauernde Exemplare der berüchtigten „Rheinhessenleber“ verfügten.

Immerhin gab’s einen Trostpreis für den letzten Platz. Er hieß Tafelwein – und war in einem überdimensionalen Tetrapack verpackt. Ach ja, und vielleicht braucht’s einfach nur noch ein wenig mehr (Wein-)Zeit, bis sich der Erfolg von ganz alleine einstellt… der einzige Wein, den ich erkannt hatte, war mir ja schon in ähnlicher Form lange Jahre aus meiner Kindheit bekannt gewesen. Es war ein Gewürztraminer – und er schmeckte nach Traubensaft.

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