(K)ein Hundeleben Part 2

Wehe dem, der es wagt, ihn allein zu lassen

Wehe dem, der es wagt, ihn allein zu lassen

Teil 1: hier

Mir drängte sich während der Betreuungszeit des Franzosen-Vierbeiners häufig die Vermutung auf, dass Hunde eigentlich den ganzen Tag schlafen könnten, würde man sie nicht ab und zu für eine Runde Gassi gehen begeistern. In diesem Sinne sollte es dem weiblichen Wollknäuel eigentlich gleich sein, ob jemand während seiner ausgedehnten Ruhephasen anwesend ist oder nicht. Wie sich jedoch herausstellte, darf man in diesem Fall (anders als in anderen Situationen) die Vorstellung einer menschlichen Ratio nicht auf den Vierbeiner übertragen.

Bahnbrechende Erkenntnisse

Ein ganz gewöhnlicher Wintermorgen. Es war kalt, der Himmel war klar und die Sonne kroch allmählich aus ihrer Versenkung hervor. Der einzige Unterschied zu anderen gewöhnlichen, kalten und dämmrigen Wintermorgen war, dass mein Teilzeit-Haustier nach einem kleinen Schnüffel-Ausflug über angrenzende Feldwege für mehrere Stunden allein zu Hause bleiben musste. Sie bekam dafür alles, was sich ein gewöhnliches Hundeherz wünschen kann, vom Knochen über Deckchen und Leckerli bis hin zum Hundefutter (hatte ich was von „wünschen“ gesagt?!). Natürlich rührte sie nichts davon an, vielmehr blickte sie mit einem wehmütigen und durchaus herzerweichenden Hundeblick auf das Teilzeit-Herrchen, das mit fadenscheinigen „Gleich wieder da“-Aussagen die Haustür hinter sich schloss.

Man mag darüber mutmaßen, ob sich Frau Hund mehr über letztere unwahre Tatsachenbehauptung oder über die dauerhafte und unausweichliche Konfrontation mit müffendem Hundefutter erzürnt hatte. Jedenfalls teilte sie es auf ihre eigene Weise mit, dass sie mit der Gesamtsituation unzufrieden war. Ich sollte davon erfahren, als ich nach vierstündiger Abwesenheit die Tür öffnete und mich neben einem Hubschrauber in schwanzwedelnder Hundeform ein ungewöhnlicher, aber dennoch seit kurzem irgendwie vertrauter Geruch begrüßte. Er erinnerte an Hundefutter und als ich die Treppe zum Flur erklomm, verblassten die letzten Hoffnungen darauf, dass der Hund doch vielleicht sein Fresschen diesmal verzehrt haben könnte. Vielmehr hatte es sich vermehrt. Leider nicht in originärer Form (die ja schon recht unappetitlich war). Nein, vielmehr hatte mir der Hund – der elegante und Wert auf Ordentlichkeit und Sauberkeit legende Franzosenhund – auf einem sehr verständlichen Weg mitgeteilt, dass ihn die mehrstündige Einsamkeit absolut angekotzt hatte. Somit musste ich zwangsweise erneut nähere Bekanntschaft mit Hundefutter machen, als mir lieb war. Das kleine Wollknäuel indes zeigte sich äußerst schuldbewusst und hörte sich die Zurechtweisung mit herabgelassenem Haupt an. Innerlich jedoch triumphierte die Hundedame höchstwahrscheinlich. Sie hatte erreicht was sie wollte: Für die restliche Zeit konnte sie darauf vertrauen, dass jemand in der Nähe war und ruhigen Gewissens vor sich hin pennen. Oder sie wurde schlichtweg eingepackt und mitgenommen. Psychologische Kriegsführung à la carte… oder eher au chien. Muss ich erwähnen, dass es in der darauf folgenden Zeit zu keinen weiteren bahn-„brechenden“ Vorkommnissen mehr kam?
Mensch, Hund oder.... Yeti?!

Mensch, Hund oder.... Yeti?!

Zu viel Mensch im Tier

Sowieso hatte der liebe Vierbeiner eindeutig zu viel menschliche Eigenschaften. Vielleicht haben wir Menschen aber auch einfach tierische Eigenschaften…?! Darwin ist ja zur Zeit wieder schwer in Mode. Wie herum es auch sein mochte, die Tatsache, dass der Hund zeitweise ausgesprochen human agierte, brachte mich in arge Schuld- und Gewissenszwänge. Und das kam so: Am Ende eines harten Tages ging ich mit Madame noch eine große Runde über die Felder.  Nachdem wir zurückgekommen waren, knabberte sie ein wenig an einem gummiartigen Hundeleckerli herum, während ich mich aufs Sofa warf um zu konsumieren, was ein ehemaliger Literaturpapst vor nun bereits einiger Zeit natürlich völlig zu Unrecht als „Blödsinn“ (mit gelispeltem ffsss)betitelt hatte. Doch die Hirnpause sollte mir nicht gegönnt sein: Schon einen Moment später erblickte ich einen wedelnden Schwanz vor mir. Mehr war nicht zu sehen, denn der vierbeiniger Dauer-Entertainer war etwas zu kurz geraten, als dass sie das ganze Sofa hätte überblicken können. Ihr Wunsch war dennoch klar zu erkennen, sie wollte hoch zu mir, aufs Sofa, aufs heilige Polster, nicht mal ein halbes Jahr alt. Ich beugte mich vor und schaute sie an. Sie schaute mich an. War da ein Hauch von Sehnsucht in ihrem Blick? Ich betrachtete sie von vorne bis hinten. Hinten ging gar nicht, Hygienevorschriften für Sofaerlaubnis eindeutig nicht erfüllt. Ich sagte: „Neeeeeein, du bleibst unten“. Der Hund wedelte stärker. So stark, dass mir unweigerlich wieder das Bild vom Hubschrauber in Hundeform vors Auge kam. „Neeeeein, du kannst echt nicht hier hoch“, sagte ich ein wenig bestimmter. Der Hund setzte zu einem Sprung an. „Nix da“, donnerte ich wohl etwas zu laut, denn nun zuckte das Wollknäuel zusammen, schaute noch einmal wehmütig nach oben, zog dann im wahrsten Sinne des Wortes den Schwanz ein und verschwand. An diesem Abend würdigte sie mich keines Blickes mehr. Das mag übertrieben klingen, aber in der Tat: Ich bekam nämlich ziemlich schnell ein schlechtes Gewissen und versuchte, den Hund dazu zu überreden, doch auf der (Hunde)decke, die ich mittlerweile auf dem Sofa ausgebreitet hatte, Platz zu nehmen. Nix zu machen. Sie guckte mich nicht mehr an. Auch nicht das Leckerli, mit dem ich sie zu locken versuchte. Mit Hundefutter wollte ich es erst gar nicht probieren. Sie wedelte auch am nächsten Morgen nicht, als ich sie zum Gassigehen aufforderte. Ganze zwei Tage spielte sie die beleidigte Leberwurst, bevor ihre miese Laune auf einmal wie weggeblasen war.

Der Hirsch in mir

Viel zu harmlos... oder?

Viel zu harmlos... oder?

Als ich einige Zeit später die Hundedame ihren echten Besitzern übergeben durfte, waren sowohl sie als auch ich froh, viele neue Erfahrungen gemacht zu haben, die man in dieser Form nicht unbedingt allzu schnell wiederholen musste. Gar nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte ich etwas Größeres als einen überdimensionalen Schneehasen betreuen müsen. Sicher, das Wollknäuel war von den Größenverhältnissen her pflegeleicht, passte farblich zu meinem Wohnzimmerteppich und sorgte dafür, dass ich genügend Auslauf bekam. Ein Hundeleben? Für den Vierbeiner garantiert nicht, er lebte während der zwei Wochen fast ausnahmelos wie der König von England. Der einzige, der noch nicht reif war für eine derart intensive tierische Beziehung, war ich – und das, obwohl ich des Öfteren beinahe zum Hirsch geworden wäre…

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