Physikalische Meisterleistung

Ohne Fleiß kein PreisSie leben, um zu lernen und lernen, um irgendwann einmal wieder zu leben. Nina ist Medizinstudentin. Medizinstudenten sind beiliebe nicht zu beneiden. Ihr Studium zählt definitiv mit zu dem Härtesten, was eine Universität zu bieten hat. 

Professoren und Prüfer wissen, warum sie dem zweiten Staatsexamen den offiziellen Titel „Hammerexamen“ verliehen haben. Hier werden Studenten mit Wissenslücken gnadenlos geplättet. Doch so weit denkt Nina noch gar nicht. Tagein und tagaus sitzt sie vor ihren Büchern und lernt, was ein Oligodendrozyt, eine Radiusfraktur oder ein Rosenthal-Effekt ist. Grundlagenwissen, wenn sie das Physikum bestehen will. So heißt der erste Abschnitt der ärztlichen Prüfung, dessen erfolgreiche Absolvierung den Weg ins Krankenhaus ebnet. Man sollte meinen, dass es nicht besonders erstrebenswert ist, diese Prüfung zu bestehen. Nun, Medizinstudenten – daran muss man sich gewöhnen – ticken ein wenig anders. Ihr Ziel ist die Klinik. Auch Nina freut sich aufs Krankenhaus. Sie freut sich so sehr darauf, dass sie bereitwillig jeden Tag durchschnittlich zehn Stunden Multiple Choice-Fragen kreuzelt. Langweilig wird ihr dabei nicht, immerhin wollen bis zum Physikum tausende Fragen richtig beantwortet werden.

Nach fünf Wochen intensivster Lern- und Kreuzelzeit steht der Tag der großen Prüfung an.  Seit langem ist der Medizinstudent dann das erste Mal wieder unter Menschen – sofern man Mediziner überhaupt als solche bezeichnen kann. So mancher Physikumskandidat erschrickt, wenn er seine Kommilitonen vom vergangenen Semester erblickt: Viele haben während der Vorbereitungszeit die Notwendigkeit der Nahrungsaufnahme unterschätzt und wandeln nun als lebende Anatomieuntersuchungsobjekte über den Campus. Andere – vermutlich durch ausbleibenden Lernerfolg – frustrierte Studenten suchten ihren Trost während der Lernphase im übermäßig gesteigerten Konsum von allem Verzehrfähigen. Gemeinsam mit Skeletten und Flummibällen geht auch Nina ihrem Prüfungsschicksal entgegen. Zweifel plagen sie: Ob sie wohl genug gelernt hat? Warum sehen alle anderen Studenten so aus, als ob sie mehr gepaukt hätten? Immerhin scheinen einige Kandidaten ihr komplettes Leben aufgegeben zu haben, damit sie sich für die Prüfung vorbereiten konnten. Trotz der Bedenken geht Nina die Prüfung an und kreuzt an zwei Tagen insgesamt acht Stunden lang gemeine, sugestive und unmögliche Fragen. Den Prüfungserfolg oder -misserfolg können die Studenten unmittelbar im Anschluss online überprüfen. Dort werten Mediziner das aktuelle Physikum aus und stellen vorläufige Lösungen auf die Homepage.  Was für Menschen müssen das sein, die nach bestandenem Multiple Choice-Horror freiwillig weiterhin Physika kreuzeln? Wohl auch eine Eigenart von Medizinern. Nicht wenige Kandidaten werden in diesen Tagen frustriert feststellen, dass sie die Prüfung – zumindest den schriftlichen Teil – nicht bestanden haben. Nina gehört nicht zu ihnen.

Wer Medizin studiert, benötigt eine ordentliche Portion Leidenschaft zum Fach, um die Strapazen durchzustehen. Von ständiger Lernbereitschaft während des Semesters bis zur völligen Selbstaufgabe in der Prüfungsvorbereitung wird dem Medizinstudent alles abverlangt. Das muss Spuren hinterlassen. Ist es also bedenklich, dass wir Normalsterbliche uns von Menschen behandeln lassen, denen während ihres Studiums jegliche Menschlichkeit abgesprochen wurde? Oder sollten wir uns einfach ehrfurchtsvoll vor diesen Medizinern verneigen und ihren eisernen Durchhaltewillen bewundern?

Auch wenn Nina nur den ersten Teil ihrer ersten wichtigen Prüfung erfolgreich absolviert hat, steht meine Antwort bereits fest: Um’s Martyrium vorm Physikum kommt der Mediziner nicht drum ‚rum. Doch liegt’s an ihm, was er draus macht. Mit Lebenslust und frohem Mut – geht’s am Ende meistens gut :-).

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